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Ministerpräsident im Zwielicht

  Investigativjournalistin Julia ist gleich doppelt gefrustet: Ihre Karriere stockt, seit sie ein wenig sehr aggressiv eine Pressesprecherin um Informationen anging. Und Ehemann Alfred, der ihr bisher mit Hausarbeit und Kindererziehung den Rücken freihielt, hat plötzlich selbst einen fordernden Job als Pressesprecher des Ministerpräsidenten. Schon vor Amtsantritt besteht er seine erste Feuerprobe. Julia ist zwar durchaus stolz auf ihn, aber dass sie sich plötzlich verstärkt um die Kinder kümmern und an Einkaufslisten denken muss - nein, das passt ihr gar nicht, auch wenn sie eigentlich ausgemacht haben, dass nach zehn Jahren Carework jetzt mal Alfred dran ist mit dem beruflichen Durchstarten. Soviel zur Ausgangsposition von "Die Stockholm Protokolle" von Joakim Zander und Moa Berglöf, die als tatsächliche langjährige Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten mit dem Einblick in Macht und Intrigen recht vertraut sein dürfte. Alfred dagegen, der als Außenseiter in d...
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Wolliges Ermittlerteam

 Es ist Jahre her, dass ich Leonie Swanns Schafskrimi "Glenkill" gelesen habe. Als ich sah, dass Miss Maple, Mopple the Whale mit dem guten Gedächtnis, Sir Richmond und die anderen Herdentiere im Mittelpunkt des Folgebands "Garou" stehen, wollte ich natürlich wissen, welche Abenteuer die Schafe diesmal erleben. Klärten die Schafe einst den Mord an ihrem Hirten George auf, wollen sie nun dafür sorgen, dass ihrer neuen Hirtin Rebecca nichts passiert. Auch einen Ortswechsel gibt es, denn Rebecca ist mit der Herde von Irland nach Frankreich in die Nachbarschaft eines Schlosses gezogen. Dort sprechen die Leute nicht nur unverständliches Europäisch, in unmittelbarer Nachbarschaft der Schafsweide leben Ziegen - da sind sich die Schafe erst mal gar nicht sicher, ob der Umzug so eine gute Idee war. Die vorwitzigen Ziegen sind es auch, die den Schafen vom Garou erzählen einem Menschen, in dem sich ein Wolf versteckt. Und der muss verdammt wild sein, wenn man den Zustand eines...

Hobby-Ornithologen auf Mörderjagd

 Außer ihrer Liebe zu Vögeln haben der pensionierte Pathologe Harald, die alleinerziehende Mutter Sabine, Student Thilo und Altphilologin Katja nicht besonders viel gemeinsam. Ein gemeinsam gelöster Mordfall hat sie aber zu Freunden gemacht. In Anna Täubers Cozy-Krimi "Schräge Vögel - SoKo Zwergsäger" ermittelt das ungleiche Quartett ein weiteres Mal. Denn Haralds Kumpel und Schrebergartennachbar gerät unter Mordverdacht, als ein Taubenzüchter tot auf seinem Grundstück gefunden wird. Die beiden Männer hatten sich heftig gestritten. Klar, dass die übrigen Freunde Harald nicht im Stich lassen, wenn er die Unschuld seines Freundes beweisen will. Wie schon der erste Band um die Abenteuer der Hobby-Ornithologen am Chiemsee  lebt das Buch von den sehr unterschiedlichen und durchaus eigenwilligen Charakteren. Die Protagonisten haben sich zusammengerauft, zwischen dem grantelnden Harald und dem vegan lebenden und politisch stets korrekten Thilo ist eine Freundschaft entstanden, die a...

Tödliche Beziehungskrisen

 In Liebesdingen hatte Natalie, die Protagonistin in Leodora Darlingtons Psychothriller "The Exes" bisher wenig Glück. Alle ihre bisherigen Freunde erwiesen sich als ausgesprochen toxisch. Doch dann lernt sie James kennen: Freundlich, zuvorkommend, sanftmütig - ein bißchen kompliziert ist, dass er auch ihr Chef ist. Doch nach einem nicht ganz so zufälligem Treffen im Pub führt eins zum anderen und schließlich zur Hochzeit.  Wenn das schon alles wäre, wäre "The Exes" ein langweiliger Gefühlsroman. Ist er aber ganz und gar nicht, denn nach und nach entblättert Darlington Natalies Vergangenheit in Form von Briefen, die sie an ihre Ex-Freunde schrieb. Briefe, die niemanden mehr erreichen können - die drei sind nämlich allesamt tot. Eine merkwürdige, aber immerhin mögliche Häufung von Zufällen? Natalie stand zum jeweiligen Todeszeitpunkt unter Drogen- oder Alkoholeinfluss und kann sich an nichts erinnern. Aber so richtig traut sie sich selbst nicht.  Kein Wunder, dass si...

Surferkrimi in Tropenparadies

  Bei Asia Noir habe ich bisher immer an koreanische oder japanische Krimis gedacht. Daniel Fassbender rückt mit "Heaven´s Gate" aber auch ein tropisches Inselparadies auf den Philippinen in düstere Stimmung. Sein Protagonist Caruso, ehemaliger Profisurfer und als Privatdetektiv bislang eher mit Kleinigkeiten wie gestohlenen Mopeds beschäftigt, rückt ebenfalls zunehmend in die Nähe der hard boiled Detektive der klassischen Noir-Serie, die von schönen Frauen betrogen werden und reichlich Prügel kassieren. Das vermeintliche Paradies entpuppt sich als ein Sumpf von Drogen und Korruption, dass auch noch ein Taifun aufzieht, scheint da nur konsequent. Eine schöne, reiche Spanierin heuert Caruso an, der bisher zwischen Surfen und viel Alkohol ein recht entspanntes Leben hatte. Ihr Sohn ist verschwunden und hat sich mit seinem Plan, groß ins Drogengeschäft einzusteigen, offensichtlich übernommen. Caruso stößt bei seinen Ermittlungen nicht nur auf Gegenwind, sondern auch auf Gefahren...

Toxische Männer und Frauen voller Geheimnisse

 Lügen, Stehlen, Betrügen - das hat Grace, die früher mal Anita hieß, von früher Jugend an gelernt. In Pflegefamilien aufgewachsen, hat ein korrupter Polizist sie zur Meisterdiebin gegroomt - und sie von ihren früheren Pflegebruder Adam entfremdet. Der hat mittlerweile eine Rechnung mit ihr offen. Kein Wunder also, dass Graces Fluchtinstinkt schlagartig einsetzt, als sie bei einem neuen geplanten Beutezug auf ihn trifft und das macht, was sie in solchen Krisen stets macht - schleunigster Orts- und Identitätswechsel. Eine australische Kleinstadt und der neue Job als Aushilfe in einem Antiquitätenladen scheinen da vielversprechend. In Garry Dishers Kriminalroman "Zuflucht" ist Grace als entwurzelte junge Frau zwischen der Sehnsucht nach Normalität und der Suche nach Kick und dem nächsten Coup zu erleben. Ihre zurückgezogen lebende neue Chefin Erin stellt wenig Fragen und überlässt der neuen Mitarbeiterin zunehmend mehr Selbständigkeit. Die Leser*innen ahnen früh - auch Erin hat...

Ein eigenwilliges Ermittlerteam und ein vertrackter Fall

 Erst zögerte ich ein wenig, mit "Die Witwe" von M.W. Craven mitten in eine existierende Serie einzusteigen, ohne die Vorgängerbände zu kennen. Nun bin ich aber sehr froh, dass ich das Buch gelesen habe. Der Kontext in die Vergangenheit wird immer wieder mal erklärt, ohne den Erzählfluss zu stören. Vor allem aber begeistert mich die Mischung aus Spannung, einem bissigen Humor und einem eigenwillig-exzentrischen Ermittlerteam, das ein bißchen an das literarische Personal von Mick Herron erinnert mit seiner Eigensinnigkeit, seinen Sprüchen und einem wunderbaren Individualismus. Ganz nebenbei machen die literarischen Anspielungen im Text einfach Spaß. Tilly Bradshaw und Washington Poe sind jedenfalls ein Team, das ich mir merke: Die hochintelligente Tilly, die sich hinter so ziemlich jede Firewall hacken kann, einschließlich die des Geheimdienstes, deren soziale Intelligenz aber ein bißchen hinterherhinkt. Und Poe, der sich wie ein Terrier in einen Fall verbeißt, Anordnungen von...