Lügen, Stehlen, Betrügen - das hat Grace, die früher mal Anita hieß, von früher Jugend an gelernt. In Pflegefamilien aufgewachsen, hat ein korrupter Polizist sie zur Meisterdiebin gegroomt - und sie von ihren früheren Pflegebruder Adam entfremdet. Der hat mittlerweile eine Rechnung mit ihr offen. Kein Wunder also, dass Graces Fluchtinstinkt schlagartig einsetzt, als sie bei einem neuen geplanten Beutezug auf ihn trifft und das macht, was sie in solchen Krisen stets macht - schleunigster Orts- und Identitätswechsel.
Eine australische Kleinstadt und der neue Job als Aushilfe in einem Antiquitätenladen scheinen da vielversprechend. In Garry Dishers Kriminalroman "Zuflucht" ist Grace als entwurzelte junge Frau zwischen der Sehnsucht nach Normalität und der Suche nach Kick und dem nächsten Coup zu erleben. Ihre zurückgezogen lebende neue Chefin Erin stellt wenig Fragen und überlässt der neuen Mitarbeiterin zunehmend mehr Selbständigkeit. Die Leser*innen ahnen früh - auch Erin hat so ihre Geheimnisse.
"Zuflucht" ist actionreich und mit immer neuen Wendungen, denn ein Polizist kurz vor der Pensionierung, der noch seinen letzten Fall lösen will, und Beziehungen zu toxischen Männern sind ein Risiko für Graces neues Leben. Mal ganz abgesehen von der Versuchung, die der Gedanke an den letzten großen Bruch auslöst. Doch bietet der die materiellen Grundlagen für die ersehnte Stabilität in Graces Leben, oder muss sie erneut die Flucht antreten?
Rache, toxische Beziehungen und weibliche Solidarität sind hier zu einem spannenden und doppelbödigen Kriminalroman verbunden. Disher lässt seinen Leser*innen einige Informationen zukommen, die Schlussfolgerungen und Vermutungen zu den Geheimnissen von Grace und Erin ermöglichen, ohne dabei allzu viel zu verraten. Die Figur der Grace als Berufsbetrügerin nicht ganz ohne Gewissen ist mehrdimensional und bei aller krimineller Energie sympathisch.
Garry Disher, Zuflucht
Unionsverlag 2026
24 Euro
9783293006249
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