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Asperger und Algavre - "Weiße Fracht"

Spätestens seit "Rain Man" haben Autoren und Filmemacher Autisten oder Menschen mit Asperger Syndrom samt ihrer (im wirklichen Leben wohl nicht ganz so häufig auftretenden) möglichen Superbegabungen für sich entdeckt. Lisbeth Salander, die geniale Hackerin aus der "Millenium" Reihe, ist ja auch so ein Fall. In "Weiße Fracht" von Gil Ribeiro ist Leander Lost als LKA-Austauschbeamter an der Algavre der Außenseiter vom Dienst, mit photographischem Gedächtnis und der Unfähigkeit zu lügen oder Ironie zu verstehen.

Der Fund eines ermordeten deutschen Aussteigers ruft Lost und seine portugiesischen Kollegen auf den Plan. Die Szene am Tatort ist ein wenig makaber - wieso hat der Täter dem Toten eine Feder ins zuvor zerschossene Auge gesteckt, ein Petruskreuz auf die Brust, und eine rote Sieben an die Decke gemalt? Ein Einbrecher, der im Haus des Toten auf frischer Tat ertappt wird, scheidet als Täter aus,  bringt die Ermittler aber auf die Fährte einer demnächst an der Küste erwarteten Großlieferung Kokain. Ein spanischer Kollege wiederum glaubt Parallelen zu einem Serienmord in Sevilla z erkennen.

Doch nicht nur der gewaltsame Todesfall stürzt den "Alemao" in Verwirrung. Sein Austauschjahr neigt sich dem Ende zu und der Mann, dessen Sozialkompetenz vorsichtig ausgedrückt zu wünschen übrig lässt, befindet sich in einem ungewohnten Konflikt: Das unverhohlene Interesse der Schwester seiner Chefin an dem Deutschen hat etwas ausgelöst bei dem Asperger-Polizisten. Obwohl er eigentlich Berührungen als unangenehm empfindet, waren die Küsse mit der schönen Soraia da irgendwie anders. Soll er versuchen, seinen Aufenthalt verlängern zu lassen? Doch wie kommuniziert man das am besten mit dem Objekt der ungewohnten Emotionen? Missverständnisse und Komplikationen bleiben nicht aus, während es eine zweite Leiche gibt  und die Ermittlungen gegen einen mutmaßlichen Drogenhändler in eine dramatische Entwicklung münden....

Gil Ribeiro (eigentlich Holger Karsten Schmidt, aber das klingt mehr nach Nordsee- als nach Portugalkrimi)  greift nicht nur zu einem portugiesischem Pseudonym, sondern würzt seinen Krimi auch mit gelegentlichen Portugismen und nicht ganz so gelegentlichen Stereotypen über das Wesen von Portugiesen, Spaniern und Deutschen.

Nicht alles erscheint dabei ganz logisch - angefangen mit der Frage, wie Lost als Europol-Austauschbeamter ausgerechnet in Fuseta mit seinem ausgesprochen überschaubarem Polizeirevier gelandet ist und nicht etwa an einem Schreibtisch in Lissabon, wie das bei Verbindungsbeamten in der Regel der Fall ist. Auch die Parallelen zwischen Lost und der jungen Zara - beides Waisen, im Heim aufgewachsen mit ermordeten Müttern und unbekannten Vätern - sind ein bißchen over the top.  Ein bißchen überzeichnet ist einiges in "Weiße Fracht" - aber was soll´s, es handelt sich um einen Urlaubskrimi und nicht um eine Dokumentation. Unterhaltsam und spannend ist die Ferienlektüre allemal  - und die Rampe mit Andeutungen für Entwicklungen in einem möglicherweise folgendem Band ist auch schon gelegt.

Gil Ribeiro, Weiße Fracht. Lost in Fuseta
Kiepenheuer & Witsch, 2019
ca 400 Seiten, 16 Euro
ISBN 978-3-462-05268-8


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