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Ungewöhnlicher Agententhriller

Im Klappentext zu "American Spy" wird Autorin Lauren Wilkinson gleich in ihrem Debütroman mit John Le Carré verglichen. Das ist eine Steilvorlage -  und wird beiden nur teilweise gerecht, denn sie liegen Generationen auseinander mit ganz verschiedenen Lebenserfahrungen und Perspektiven. Gewiss, auch "American Spy" ist ein Agententhriller und es geht um die Auseinandersetzungen im Kalten Krieg - doch da enden auch schon die Parallelen.

Denn wo sich George Smiley und Co meist zwischen Berlin und Prag, Budapest und Moskau und natürlich Moskau belauerten und betrogen, ist Ich-Erzählerin Marie Mitchell eine schwarze Amerikanerin in der Reagan-Ära. Anders als die Protagonisten im "Circus", die meist schon während ihrer Jugendzeit an einer der Eliteuniversitäten vom einem oder anderen Geheimdienst angeworben wurden, , stößt Marie immer wieder auf Widerstände in ihrer Karrierre beim FBI. Sie ist eine Frau und sie ist schwarz - das sind zwei Gründe für ihren Boss, die intelligente und ehrgeizige Polizistentochter von allen wichtigen Aufgaben fern zu halten. Bis die CIA Marie genau wegen dieser beiden Eigenschaften einen Job anbietet.

Es gilt, den charismatischen Präsidenten von Burkina Faso, Thomas Sankara, zu kompromittieren. Der "Che Guevara" Afrikas kommt zu einem Besuch zu den Vereinten Nationen nach New York - und auch die stramm antikommunistische Marie ist beeindruckt von dem Mann, auf den sie als "Honigfalle" angesetzt ist. 

Wilkinson greift zu einem in Agententhrillern eher ungewöhnlichen Mittel, um den Plot zu entfalten. Die Geschichte wird nicht linear, sondern überwiegend im Rückblick erzählt. Zu diesem Zeitpunkt führt Marie mit ihren kleinen Söhnen ein zurückgezogenes und unauffälliges Leben in einer Kleinstadt an der Ostküste. Als ein Unbekannter in ihr Haus eindringt und sie ihn in Notwehr tötet, flieht sie auf die Karibikinsel Martinique. In Tagebüchern an ihrer Söhne beschreibt sie, wie es so weit kam - für den  Fall, dass sie von ihrer letzten, selbst gesteckten Mission nicht zurückkommt. Zugleich ist ihr Bericht eine Schilderung schwarzer Emanzipation, von Rassismuserfahrungen, von selbstgesteckten Grenzen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft.

Es geht auch um die Bewegungen innerhalb des schwarzen Amerikas der 60-er und 70-er Jahre, die Black Panther etwa und die Solidarisierung mit den Befreiungsbewegungen in Afrika, wo viele Staaten erst seit wenigen Jahren in die Unabhängigkeit entlassen worden waren oder sie von den alten Kolonialmächten ertrotzt hatten.  Dabei war der Kontinent bereits zu einem Spielfeld des Kalten Krieges geworden, wo so mancher heiße Stellvertreterkrieg ausgefochten wurde und die Gier auf die reichen Bodenschätze und Rohstoffvorkommen etwa im Kongo (der damals noch Zaire hieß) geweckt wurde.

Wer einen actionreichen Spionageroman erhofft hat, wird möglicherweise von "American Spy" enttäuscht sein. Statt dessen steckt sehr viel Reflektion und Beobachtung auf den gut 360 Seiten - und hier ist der Vergleich mit dem ja auch eher nachdenklichen John le Carré und seinen düster-intelligenten Spionageromanen dann wieder durchaus angemessen. Dabei geht es auch um schwarzes Selbstverständnis und Identität, um die Konfrontation mit dem "Mutterkontinent", bei der Wilkinson erfrischend frei ist von romantischer Verklärung. Anders als viele schwarze Amerikaner, die ich in Afrika traf und die oft ganz überrascht waren, wie unmittelbar sie als Amerikaner erkannt und wahrgenommen wurden und nicht etwa mit der dortigen Gesellschaft verschmelzen, versucht Marie bei ihrer Mission in Burkina Faso gar nicht erst die eigene Afrikanisierung - dazu sind ihr fließendes Wasser und westliche Toiletten viel zu wichtig. Lieber hält sie sich an die Expat-Szene, gleich welcher Hautfarbe.

Vor allem aber  geht es immer auch um den Zustand der USA , die ein entscheidender Grund dafür sind, dass Marie vor ihrem Aufbruch versucht, ihre Söhne mit Geld, Macht und Handlungsfähigkeit auszustatten, denn "für euch, für schwarze amerikanische Jungs, bedeutet ein Leben in der Mittelschicht noch lange keine Sicherheit".  Bei diesem Satz kann man ja gar nicht anders, als an George Floyd zu denken, an Trayvon Martin, Michael Brown oder Eric Garner.  Da könnte Marie eigentlich desillusioniert oder pessimistisch sein, doch in ihrem Schreiben an ihre Söhne hofft sie, dass diese zu "Akteuren des Wandels" werden, die sich gegen Ungerechtigkeit zur Wehr setzen und eine bessere Welt schaffen.  Eine Aufgabe, die klar größer und schwieriger ist, als mal eben gegnerische Agenten zu eliminieren.

In den derzeitigen Rassismusdebatten gibt es viele selbstgerechte und moralinsaure Töne, die die wichtige und richtige Auseinandersetzung trüben. Lauren Wilkinson schafft es ganz ohne erhobenen Zeigefinger viele dieser Fragen und Erfahrungen anzusprechen und dabei einen spannenden, intelligenten Thriller zu schreiben, der neugierig auf das macht, was diese Autorin in Zukunft in Angriff nimmt.

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