Skip to main content

Faktencheck in einer Schattenwelt - "Doppelte Spur"

Es liegt nicht nur am Namen des Ich-Erzählers, dass in Ilja Trojanows neuem Roman "Doppelte Spur" Fiktion und - mögliche - Realität zu verschwimmen scheinen. Denn mit dem Journalisten Ilja Trojanow hat der Schriftsteller seinen Zwilling auf  Buchseiten geschaffen und auch die Vorgänge, die der investigative Reporter recherchiert, haben so manche Entsprechung in der Wirklichkeit. Und wer vielleicht Luke Hardings Buch über die Arbeit mit Whistleblower Edward Snowden gelesen hat (falls nicht, sehr empfehlenswerte Lektüre!) wird beim Lesen einen gewissen Wiedererkennungseffekt zu lesen, auch wenn es hier nicht um die NSA geht, sondern um einen russischen Staatschef, einen amerikanischen Präsidenten und den Sexskandal um einen pädophilen Finanzier mit besten politischen und wirtschaftlichen Verbindungen.

Der Titel "Doppelte Spur" bezieht sich auf die Tatsache, dass die Romanfigur Trojanow per Email gleich von zwei Whistleblowern kontaktiert. Eine Frau aus den USA mit dem Pseudonym "DeepFBI" und eine anonyme Quelle wohl aus Russland, die ihm per Mini-USB-Stick brisante Dokumente zukommen lassen. Es geht um die Kontakte des US-Präsidenten, eines früheren Immobilienmoguls zu russischen Geschäftsleuten, die aber teils Verbindungen zu Geheimdienstkreisen haben, teils zum organisierten Verbrechen. Hat "Schiefer Turm" wissentlich, aus Dummheit, als Erpressungsopfer Geld gewaschen für die eine oder andere "Bratva". Zieht der russische Langzeitpräsident Michail Iwanowitsch auch in den USA an den Strippen?

Die Fülle des Materials zu sichten, aber auch zu checken auf Plausibilität und die Interessen der Leaker, das schafft Trojanow  nicht allein. Mit Boris, einem weiteren investigativen Journalisten, dessen Familie aus Russland eingewandert ist, bildet er ein Team - und zu diesem Duo stößt Dokumentarfilmerin Emi, die schon seit Jahren mit den Opfern des Finanzexperten Geoffrey Wasserstein arbeitet. Als Emi und Ilja ein Paar werden, ändert sich die Arbeitsdynamik, doch viele Fragen bleiben: Können die Journalisten ihren Quellen trauen, oder werden sie womöglich manipuliert? Wer hat ein Interesse an der Veröffentlichung der Dokumente?

Angesichts des Materialwusts zerfasert die Recherche mitunter,  was dem Lesefluss von "Doppelte Spur" nicht unbedingt zugute kommt. Überhaupt ähnelt das Buch eher einem dokumentarisch geprägten Enthüllungsbuch als einem Thriller im Reich der Schattenkrieger. Doch der Teil der Fakten, die hier mit Fiktion verwoben sind, reicht schon aus für ein zunehmendes Unbehagen. Denn viele Vorgänge zu Donald Trump tauchen in den Dokumenten zu "Schiefer Turm" auf. Auch wenn (literarische) Spekulation hineinspielt, bleibt doch ein großer Teil, der aus völlig unliterarischen Enthüllungsbüchern oder investigativen Artikeln nur zu vertraut klingt. Was ist Wahrheit? Das Ringen seines Alter Ego um Wahrheitssuche hat dem Autor Trojanow einen Platz auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises eingebracht. Beim Lesen muss man sich zwar manchmal besser Notizen machen, um den Überblick über die möglichen Verstrickungen zu behalten, doch nicht nur für Verschwörungstheoretiker eine spannend-beklemmende Lektüre.

Ilja Trojanow, Doppelte Spur
S. Fischer, 2020
240 Seiten, 22 Euro
978-3-10-390005-7



Comments

Popular posts from this blog

Das Herz der Dunkelheit schlägt auf der Ferieninsel

  Seit seine 16 Jahre alte Tochter Emme vor vier Jahren während eines Urlaubs mit zwei Freundinnen auf der Ferieninsel Mallorca verschwand, ist der ehemalige schwedische Polizist Tim Blank ein Besessener. Er hat die Arbeit aufgegeben, ist nach Mallorca gezogen, sucht nach seiner Tochter. Anders als die Ermittler will er nicht aufgeben und er will auch nicht loslassen. Die Suche des verzweifelten Vaters, der selbst immer tiefer in einem Strudel von Alkohol, Gewalt und Korruption versinkt hat Mons Kallentoft  bereits in seinem Roman "Verschollen in Palma" erzählt.  Nun ist "Das dunkle Herz von Palma" als Fortsetzung erschienen und es ist vielleicht sogar noch düsterer, auch wenn die Beziehung zu seiner Frau wieder stabiler, wenn auch keineswegs unkompliziert geworden ist. Denn die beiden haben eine kleine Tochter - doch es ist ein Familienleben auf Distanz. Tim hält Frau und Tochter auf Abstand, scheint es schon für mangelnde Loyalität gegenüber Emme zu empfinden, wen...

Ermittlungen in der kleinen Stadt am Rhein - Die Akte Adenauer

 Philipp Gerber ist Amerikaner - aber geboren wurde er als Deutscher. Seine Familie emigrierte in den frühen 30-er Jahren in die USA, weil sie unter den Nationalsozialisten keine Zukunft sah. Gerber kämpfte nicht nur in der US-Army, er war wegen seiner Deutschkenntnisse auch beim Militärgeheimdienst. Nun aber, es ist das Jahr 1953 und der Kalte Krieg im vollen Gang, bekommt er innerhalb von Stunden einen deutschen Pass und einen neuen Job beim noch jungen Bundeskriminalamt in Bonn. Offiziell soll er die Nachfolge eines bei einem Unfall getöteten Kollegen antreten. Inoffiziell soll er herausfinden, woran dieser Kollege gearbeitet hatte. Denn auch der hatte für den Militärgeheimdienst gearbeitet.... Gerber stößt bei seinen neuen Kollegen auf Misstrauen - zum einen, weil sein prompter Wechsel zum BKA als Protektionismus gesehen wird, zum anderen, weil in den deutschen Sicherheitsbehörden längst noch alles nicht so demokratisch ist, wie behauptet wird. Im Gegenteil - unter seinen Kolle...

Surferparadies mit Schatten

 Die Romane von Lucy Clarke sind eine Mischung aus psychologischer Spannung, meist wunderschönen Schauplätzen und der Dynamik von Frauenfreundschaften - bis dann eben das scheinbare Paradies durch Tod und/oder Gewalt erschüttert wird und sich hinter mancher Fassade eine unangenehme Wahrheit offenbart. Das ist in ihrem neuen Buch "The Surf House" über eine Surfer Community an der marokkanischen Küste nicht anders: Model Bea bricht ein Foto-Shooting in Marrakesch ab und beschließt spontan, abzureisen. Sie will dieses Leben nicht mehr - was sie eigentlich will, weiß sie allerdings auch nicht. Als sie Opfer eines Raubüberfalls wird, kommt ihr Marnie zu Hilfe, die mit ihrem Freund ein Surfer-Hostel an der Küste betreibt. Der Zwischenfall endet mit einem in Notwehr getöteten Räuber, Bea hat weder Geld noch ihren Pass. Marnies Hostel ist zunächst Fluchtpunkt für ein paar Nächte, wird aber bei längerer Zeit zu dem Ort, an dem sich Bea neu orientiert, für Kost und Logis arbeitet, auf ...