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Die Ehre des Gangsters - Heißes Blut

  Mit "Die Plotter" hatte der koreanische Schriftstelle Un-Su Kim eine düster-brutale, aber auch fast schon philosophische Geschichte eines Profu-Killers geschrieben, Auch in "Heißes Blut" bleibt er dem Gangstermilieu treu und schildert Karrieren, Verteilungskämpfe und blutige Fehden in Busan und am Strandviertel Guam. Atmosphärisch dicht, sprachtlich kraftvoll erzählt Un-Su Kim die Geschichte des Gangsters Huisu, der in den 90-er Jahren die rechte Hand des koreanischen Paten Vater Son ist.

Huisu gehört gewissermaßen zum mittleren Management des organisierten Verbrechens, ein Mann mit Ambitionen, aber auch mit einem Ehrgefühl als Gangster. Vaterlos aufgewachsen kennt er das Leben am Rand der Gesellschaft, seine große Liebe ist eine Barbesitzerin und ehemalige Prostituierte. Teilweise ist "Heißes Blut" wie eine koreanische Version des "Paten", mit Soldaten und Offizieren, mit Abgaben und korruptem Beamten, mit ungeschriebenen Gesetzen und Verhaltensregeln. Nur dass hier in den Kampfpausen einen Gangsterkrieges nicht Spaghetti gekocht werden, sondern Ramen-Nudeln und bei Sashimi verhandelt wird. Wobei die Sashimi-Messer auch anderweitig zum Einsatz kommen.

Ähnlich wie der Killer Raesong ist Huisu eine teils gebrochene, teils an ihren Grundwerten festhaltende Figur. Ähnlich wie sein Ziehvater Son setzt Huisu mehr auf Verhandlungen als auf Brutalität und Blutvergießen, auch wenn ihm beides nicht fremd ist. Nicht zuletzt seine Schuldenlast macht ihn angreifbar, zwingt ihn zu Entscheidungen mit weitreichenden Folgen.

Ein wenig ähneln die Gangster von Busan den Einwohnern einer Kleinstadt - jeder weiß fast alles über die anderen, es gibt Zweckbündnisse und Loyalitäten, doch unter der scheinbar glatten Oberfläche des Geschäftslebens sind allerhand Untiefen. 

"Heißes Blut" ist ein Kriminalroman wie aus der "schwarzen Serie", düster, oftmals tödlich und getragen von einem ethischen Kodex der Unterwelt. Auch soziale Hierarchien, rituelle Unterwürfigkeit und Rangfolgen spielen eine wichtige Rolle, wobei ich schlecht beurteilen kann, inwieweit hier auch "typisch koreanische" Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders eine Rolle spielen und inwieweit es sich um die Nischenkultur der Gangstergesellschaft handelt.

Dunkel und hart, manchmal mit Humor und sogar Wärme lässt Un-Su Kim am Leben seiner Antihelden teilhaben. Nicht nur für Krimi-Freunde ein faszinierendes Buch voller Spannung und dunkler Emotionen.


Un-Su Kim, Heißes Blut,

Europa-Verlag, 2020

582 Seiten,  24 Euro

978-3-95890-238-1

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