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Raketenforscher und Spione - "Die Experten"

 Als Thriller bezeichnet der Verlag "Die Experten" von Merle Kröger, die Autorin selbst spricht in ihrem Nachwort von einem "dokumentarischen Roman, was auf jeden Fall zutreffend ist. Denn in die Anfang der 60-er Jahre spielende Handlung sind zahlreiche dokumentarische Hintergründe eingearbeitet. Da es sich hierbei allerdings nicht um Fußnoten oder sonstige Anmerkungen handelt, wird der Erzählfluss immer wieder unterbrochen - und das dämpft das Lesevergnügen doch ganz erheblich, vor allem, da es bei einem Thriller immer auch um Spannungsaufbau geht. So gerät der Lesefluss doch eher zäh.

Hauptfigur ist Rita Hellkamp, die heranwachsende Tochter eines Flugzeugingenieurs, der in der jungen Bundesrepublik keine Chance für die Forschungsarbeit sieht, die er gerne betreiben will. Er folgt dem Ruf der ägyptischen Regierung, die deutsche Experten für ihr Luftfahrt- und Raketenprogramm anwirbt. Rita, die gerade wegen unerlaubten Männerbesuchs aus dem Internat geflogen ist, muss zunächst widerwillig nach Kairo übersiedeln, wo die Eltern mit der jüngeren Schwester schon wohnen. Ihr älterer Bruder Kai hingegen, der sich vor allem für Musik interessiert und zur aufbegehrenden Generation gehört, die Fragen nach der Verantwortung der Elterngeneration während des Nationalsozialismus  stellt, bleibt in Hamburg zurück.

Rita hat zwar keinen Schulabschluss, landet aber als Sekretärin im Team deutscher Raketenforscher. Sie fühlt sich schnell wohl am Nil und in der ganz anderen Welt, vor allem als sie den jungen Ägypter Hani kennenlernt und sich in ihn verliebt. Doch die deutschen Experten sind nicht unumstritten: In Deutschland wird zunehmend befürchtet, sie könnten Geheimnisse verraten, der Zugang zu ihren alten Arbeitgebern ist plötzlich versperrt. Und auch politisch gibt es Bedenken in einer Zeit, als es zu vorsichtigen diplomatischen Annäherungen an Israel kommt: Könnte das Raketenprogramm nicht der Raumfahrt dienen, sondern einem Atomprogramm, das die Sicherheit Israels bedroht? Mossad, BND und ägyptischer Geheimdienst belauern sich und die Experten gleichermaßen, es gibt Drohungen und Anschläge. Zudem sind unter den Experten eine ganze Reihe von Alt-Nazis, gesuchte Kriegsverbrecher und jüdische Emigranten sind gleichermaßen zu finden.

Hier wäre nun in der Tat reichlich Thriller-Stoff, doch die Autorin erzählt zugleich eine Familiengeschichte - hier Rita, die als junge Frau ihren eigenen Weg sucht, dort ihre frömmelnde und unter einem Putzfimmel leidende Mutter, die eine Belastung für die Familie ist, da die Beziehung des Vaters zu einer jungen Frau in Ritas Alter. Auch diest trägt dazu bei, dass der Spannungsbogen eiert.  Zudem bleibt Hauptfigur Rita trotz all der Buchseiten, die ihr gewidmet sind, merkwürdig blutarm und oberflächlich - sie macht eine Entwicklung durch, aber so richtig glaubwürdig und nachvollziehbar ist das alles nicht beschrieben. 

Eine hübsche Idee ist, dass die Ereignisse mit Hilfe von drei Fotoalben der verschiedenen Jahre erzählt werden. Rita ist eine begeisterte Fotografin, und jedes Kapitel beginnt mit einem Bild, das gleichsam symbolisch für ihre Erlebnisse und Erfahrungen steht. Doch leider mindert das nicht die Erfahrung, dass der Text langatmig gerät, trotz oder gerade wegen der offensichtlich aufwändigen Rechercheleistung.

Merle Kröger, Die Experten

Suhrkamp, 2021

688 Seiten, 20 Euro

ISBN 978-3-518-46997-2

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