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Das lange Echo des Bürgerkriegs in Beirut

  Der Tod eines weit über 80-jährigen Politikers würde normalerweise die üblichen Routine-Nachrufe nach sich ziehen. In Gard Sveens "Der schwarze Sommer" dagegen  erhält der Polizist Tommy Bergmann den Auftrag, diskret zu ermitteln. Denn Leif Wilberg, ehemaliger Botschafter im Libanon, wird durch eine Autobombe getötet. Seine wesentlich jüngere Frau Hanna, die er einst in Beirut während des Bürgerkriegs kennengelernt hatte, ist verschwunden. Einzige Spuren, Tage später: Ein Koffer und Blut, das Hanna zugeordnet werden kann, in einem einsamen Ferienhaus in Dänemark.

Für Bergmanns Vorgesetzte ist die drängende Frage nicht allein, wer für den Tod Wilbergs verantwortlich ist und   was mit Hanna geschehen ist, die immerhin als Außenministerin einmal eine prominente Politikerin war - bis sie wegen allzu großer Nähe zur Hamas spektakulär zurücktreten musste. Für die Nachrichtendienste ist viel interessanter: wer ist der russische Spion, der vermutlich damals in Beirut rekrutiert wurde und den Norweger, Israelis und Amerikaner bisher nicht enttarnen konnten? Verdächtig sind alle, die seinerzeit in Beirut die kleine Gruppe norwegischer Diplomaten, Journalisten und Helfer stellten. So war Hanna Krankenschwester in den palästinensischen Flüchtlingslagern, eine überzeugte Kommunistin und scharfe Kritikerin Israels, gerade angesichts der Verbrechen falangistischer Milizen, die für die Israelis die schmutzige Arbeit erledigten.

Schon mit dem Titel "Der schwarze Sommer" zieht Sveen die Linie zur Geschichte von Gewalt und Terror im Nahen Osten: Schwarzer September war der Name der Terrorgruppe, die für das Münchner Olympiaattentat und die Geiselnahme israelischer Sportler verantwortlich war. Wie man heute weiß, gab es Verbindungen zur Al-Fatah, dem militärischen Arm der PLO, die wiederum in den frühen 80-er Jahren ihren Sitz im Libanon hatte.

Sveen lässt die Erzählhandlung zwischen der Zeit des Bürgerkriegs und dem Jahr 2017 wechseln. Die kleine Gruppe der Norweger, die damals angesichts der Umstände eng zusammengeschweißt war, hat heute nur teilweise Gemeinsamkeiten, es gibt tiefe politische Gräben und Mutmaßungen. War Hanna, die damals wochenlang entführt war, einer Gehirnwäsche unterzogen worden und insgeheim eine PLO-Aktivisitin? War Wilberg am Ende gar nicht der Israel-Kritiker, als der er galt? Wer hatte ein Interesse am Tod des Diplomaten? 

Ähnlich wie im Berlin oder Wien des kalten Krieges galt auch Beirut als eine Stadt, in der sich die verschiedenen Nachrichtendienste und ihre Agenten tummelten. Kommen nun, Jahrzehnte später, Geheimnisse ans Tageslicht, die ein Grund zum Morden sind? Dass Sveen als norwegischer Le Carré bezeichnet wird, ist da durchaus passend. Und wie der Altmeister des intelligenten Agentenromans versteht auch er sich auf das doppelte Spiel und die Hintergründigkeiten, die sich erst am Ende zusammenfügen.

Ein spannender Agententhriller über ein mittlerweile schon fast in Vergessenheit geratenes Kapitel des Nahostkonflikts, in dem besonders die Szenen aus dem von Gewalt und Bürgerkrieg geprägten Beirut der 80-er für ein eindringliches Leseerlebnis sorgen.


Gard Sveen, der schwarze Sommer

Ullstein, 2021

336 Seiten, 10, 99

 9783548062211



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