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Vielversprechender Auftakt einer dänischen TRiologie

 Spätestens seit den Millenium-Romanen von Stieg Larsson stehen skandinavische Kriminalromane und Thriller für eine Mischung aus Spannung und politischer beziehungsweise gesellschaftlicher Brrisanz. Ob es sich um Gewalt gegen Frauen, Fremdenhass und Rassismus oder die wachsende soziale Schere handelt - eine ganze Reihe von Autoren legen den Finger in offene Wunden. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die meisten Vertreter dieses Genres zuvor als Journalisten arbeiteten. So auch Kim Faber und Janni Pedersen, die sich mit ihrem Buch "Winterland" ganz wunderbar in diese skandinavische Tradition einbringen.

Ist der erste Band einer als Triologie angelegten Reihe ein Krimi oder ein Polit-Thriller? Am Ende werden die Grenzen verwischen, doch spannend, vielseitig und nachdenkenswert ist der Fall der Kopenhagener Polizistin Signe Kristiansen und ihres Kollegen Martin Junckersen, der als Kleinstadtpolizist in seinen Heimatort Sandstedt gewechselt ist, um seinen dementen Vater zu versorgen.  Für den erfahrenen Mordermittler ein schwieriger Ortswechsel, zumal das Verhältnis zum Vater schon seit der Jugend schwierig war und seine Ehe in einer Krise steckt.

Bis weit in die Hälfte des Buches hinein verfolgen Signe und Juncker unterschiedliche Fälle. Signe muss sich kurz vor Heiligabend mit einem Terroranschlag auf dem Kopenhagener Weihnachtsmarkt auseinandersetzen. Zu dem Druck, schnell Ergebnisse und Tatverdächtige präsentieren zu müssen, kommt in den ersten Stunden des Einsatzes die große Sorge: Wollte nicht ihre jüngere Schwester mit Familie den Weihnachtsmarkt besuchen? Spielt die Tatsache, dass im nahen Gerichtsgebäude ein Prozess um Bandenkriminalität geplant war, eine Rolle, oder handelt es sich um einen islamistischen Terrorakt, auch wenn bislang kein Bekennerschreiben oder Video aufgetaucht ist?

Juncker wiederum, der in seinem Kleinstadtrevier nur einen Polizeischüler mit möglicher posttraumatischer Störung nach einem Afghanistan-Einsatz und eine aus einer Einwandererfamilie stammende Polizeiassistentin zur Unterstützung hat, muss sich mit einer Vergewaltigung auseinandersetzen, für die Bewohner eines Flüchtingsheims verantwortlich sein sollen. Dann wird die Leiche eines zurückgezogen lebenden Mannes mit rechtsextremen Verbindungen gefunden, seine Frau wird vermisst. . Als die Ermittlungen des Kopenhagener Anschlags auf eine Spur nach Sandstedt stoßen,  arbeiten Signe und Juncker plötzlich wieder gemeinsam an einem Fall. Und sie stellen fest, dass in einer Allianz des Terrors ziemlich unvermutete Bündnisgenossen zusammen gefunden haben könnten.

Die Suche nach der Wahrheit fördert auch Dinge zutage, die unter den Tisch gekehrt werden sollen. Je mehr die Ermittler erfahren, desto mehr nehmen auch Versuche der Einflussnahme zu. Die Wahrheit, das wird schnell klar, könnte gefährlich sein.

Mit "Winterland" nehmen sich die Autoren ziemlich viel Zeit, Protagonisten und Nebenfiguren mit ihren Problemen und ihrem Privatleben ausführlich vorzustellen - ohne dass es dabei langweilig oder überladen wird. So wird schon einmal eine komplexes Beziehungsnetz angelegt, das in den Folgebänden sicherlich eine Rolle spielen wird. Doch auch ein Ende, das in seinen eher düster gezeichneten Tönen an die Romane von John le Carré erinnert, macht neugierig auf den Folgeband, denn vieles. was bisher nur angedeutet wurde, wartet darauf. aufgedeckt zu werden.

Komplex, spannend und gerade angesichts des Realismus nachdenklich machend, überzeugt "Winterland" mit Plot und Figuren, die vielschichtig und überzeugend gezeichnet sind. Juncker und Signe sind keine Superhelden, sondern Menschen, die einen schwierigen Job und ein nicht immer leichtes Privatleben unter einen Hut bringen müssen - und die Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen noch nicht absehbar sind. Das macht neugierig, sehr neugierig auf den Folgeband, der zum Glück bereits im Dezember erscheinen soll.


Kim Faber, Janni Pedersen, Winterland

blanvale 2021

rund 600 Seiten, 15 Euro

ISBN 978-3-7645-0724-4

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