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Anwältin unter Schafen

 Eine Anwaltskanzlei wie die von Fentje Jacobson hat Seltenheitswert - mit Salzgeruch in der Nase, vermutlich einer frischen Nordseebrise und buchstäblich kräftiger Landlust. Da sollte man auch aufpassen wo man hintritt und sich darauf einstellen, dass die Anwältin zum Mandantengespräch in rustikalem Outfit von der Schafweide kommt. Denn die Juristin betreibt ihre Kanzlei vom nordfriesischen Bauernhof ihrer Großeltern aus.Und wenn sie sich nicht um lammende Mutterschafe kümmern muss, könnte es sein, dass die zunehmende Demenz ihrer Großmutter oder eine Krise ihrer pubertierenden Nichte von Gesetzessammlungen und Vertragsrecht ablenken.

Mit Fentje Jacobsen schickt die bisher mit der Pia Korettki-Reihe vor allem an der Ostsee aktive Eva Almstädt nun eine neue Protagonistin auf Mörderjagd. In "Akte Nordsee. Am dunklen Wasser" ist Fentje weniger vor Gericht im Einsatz, sondern ermittelt selbst, um die Unschuld ihres neuesten Mandanten zu beweisen. Sie hat den Surfertyp mit Filmriss schlafend auf der Schafweide gefunden - wie er dorthin kam, weiß der junge Mann nicht. Er erinnert sich nur noch, am Vortag seine Freundin besucht zu haben - das ist aber auch schon alles. Als Fentje und ihr Schüzling die junge Lehrerin aufsuchen, finden sie nur ihre Leiche. Für die Polizei steht schnell fest, wer ihr Hauptverdächtiger ist - der junge Mann hatte eine Gelegenheit und er hatte, wie sie herausstellt, sogar ein mögliches Motiv. 

Da haben die Ermittler jedoch die Rechnung ohne Fentje gemacht. Sie versucht, auf eigene Faust die Unschuld ihres Mandanten  zu beweisen, zunächst spöttisch belächelt von dem Journalisten Niklas John, der mitten im Sommerloch eine große Geschichte wittert. Als Sohn aus reichem Haus, der es eigentlich nicht nötig hat zu arbeiten, ist er Fentje zunächst einmal eher suspekt und der ziemlich arrogante Niklas traut der in Strafsachen nicht sonderlich erfahrenen Fentje nicht zu, etwas ausrichten zu können. Nach und nach arbeiten die beiden sehr gegensätzlichen Protagonisten dennoch als Team zusammen - auch wenn jede*r eine eigene Agenda hat.

Überhaupt ist in der nordfriesischen Provinz plötzlich viel los: Zwei Schülerinnen des Nordseeinternats, an dem die tote Lehrerin unterrichtete, sind plötzlich verschwunden, ein Pastor, mit dem sie alte Grabsteine untersucht hat, stirbt bei einem Treppensturz - und was verband die Tote eigentlich mit einem wohlhabenden und sehr viel älteen Reeder?

Die Autorin legt für ihre Leser eine ganze Reihe von Spuren aus und erst nach und nach stellt sich heraus, was eine Finte ist und was zur Lösung des Falls beiträgt. Zwischen Küstensturm und Hamburger Rotlichtmilieu gibt es eine Menge Gelegenheit für Fentje und Niklas, sich zusammen zu raufen. Wie es sich für den Erstling einer neuen Reihe gehört, spielt auch das Menschliche und die Vergangenheit der beiden Protagonisten eine Rolle - hier soll schließlich die Grundlage für weitere Bände gelegt werden. Besonders liebevoll gezeichnet sind einige der Nebenfiguren, ganz besondern Fentjes Großeltern und ihre Nichte.  Nicht alles ist ganz logisch beziehungsweise entspricht  der "echten" Arbeitsweise von Anwälten oder Journalisten. Dafür überzeugt das Lokalkolorit und die Beschreibung der Menschen am Deich und eine Welt, in der (fast) jeder jeden kennt.


Eva Almstädt, Akte Nordsee. Am dunklen Wasser

Lübbe, 2022

412 Seiten, 11.99

ISBN 978-3-40418574-0

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