Wenn von einer Lizenz zum Töten die Rede ist, denkt man ja meist an smarte Agenten vom Schlage eines James Bond. Frau Morgenstern, die Hauptfigur von Marcel Huwylers Roman "Frau Morgenstern auf der Flucht", arbeitet in der gleichen Sparte für ein Schweizer Ministerium, entspricht als ehemalige Grundschullehrerin mit Silberhaar und einer Vorliebe für gute Manieren nicht so ganz dem klassischen Killer-Klischee. Ihr Teampartner Miguel, Ex-Söldner mit einem Hang zu großen Autos und großen Waffen, in der Arbeitsteilung, eher fürs Grobe vorgesehen, passt da schon eher rein.
Die Arbeitsroutine der beiden gerät ins Stocken, als Frau Morgenstern ein Kollegenteam bei der Liquidierung eines Mannes erwischt, der ihr viel bedeutet. Spontan greift sie zur ersten greifbaren Waffe und tötet einen der Kollegen. Der zweite überlebt, und das ist nicht gut, denn nun ist Frau Morgenstern auf der Flucht, gejagt von ihren einstigen Kollegen. Miguel entscheidet sich spontan, sie zu begleiten.
Die beiden wissen, jeder Fehler ist tödlich, die Schweiz ein eher überschaubares Land, um abzutauchen, und leben müssen sie ja auch. Was nicht ganz einfach ist, wenn der Weg zu Konten und Kreditkarten versperrt ist und alles bar bezahlt werden muss. Die Art, wie sich die beiden auf ihrer Fluch vorwärtsbewegen, zeugt von ihrem Einfallsreichtum. Und auch was das Einkommen angeht, bleiben sie einfach ihrem alten Job treu, nur eben als private Auftragskiller, die im Darknet gebucht werden können. Da ist es praktisch, dass ein Ex-Kollege als IT-Wizard noch immer einen Kommunikationskanal offen hält und die beiden unterstützt.
Ist es das Lehrerinnen Gen? Frau Morgenstern fühlt sich nicht wohl dabei, immer nur für schnöden Mammon zu morden. Sie besteht darauf, auch den einen oder anderen pro Bono-Job zu erledigen. Ermittlungsarbeiten, die eventuell auch tödlich enden könnten. So kommen sie auch in ein Schweizer Gebirgsdorf, in dem ein kleiner Junge zu Tode gekommen ist. Angeblich bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht, doch die Eltern wollen das nicht glauben, nachdem sie den Obduktionsbericht gelesen haben. Denn der Zwölfjährige wurde gleich mehrfach von einem Auto überrollt.
Das Gefühl. das etwas nicht stimmt, vertieft sich, als das Killerduo, angeblich Mitarbeiter einer Versicherung, feststellt, dass in dem Polizeibericht eine Seite fehlt. Dank des Hacker-Freundes stellen sie fest, dass es um die toxischen Werte im Blut des Kindes ging - und dass der junge an einer schweren Dioxinvergiftung litt, die ihn binnen kurzer Zeit getötet hatte. Sollte ein Umweltskandal vertuscht werden? Welche Rolle spielen die unangenehmen Typen, die Miguel vor einer Kneipe auflauern? Und was ist mit der Unternehmerfamilie, ohne die im Dorf nichts zu gehen scheint?
Der Autor legt eine Menge Spuren aus, die nicht alle zielführend sind, aber Verdachtsmomente weit verteilen. Das Ende kommt vielleicht nicht völlig überraschend, aber der Weg dahin ist durchaus auch unterhaltsam und mit charmanten schwyzerdeutschen Vokabeln gewürzt, die den Horizont deutscher Leser erweitern. Das Killerduo ist sympathisch, selbst wenn sie in ihrer Andersartigkeit auch schon wieder ein Stück weit Klischee sind. Auf jeden Fall hoffe ich, dass sie noch lange unbeschadet auf der Flucht sind. Und wenn dabei der eine oder andere Fall zu Buche kommt, ist das auch schön.
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