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Polizeischülerin zwischen schwerer Vergangenheit und Verschwörungskomplott

  Es ist erst ein paar Wochen her, als bei einer der größten Anti-Terrorrazzien der jüngsten deutschen Geschchte ein mutmaßlicher Umsturzplan von Tatverdächtigen aus der "Reichsbürger-Szene" vereitelt wurde. Und bereits in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Skandale in Polizei und Bundeswehr, weil insbesondere Mitglieder aus Eliteeinheiten in rechtsextreme Aktivitäten verwickelt waren, oder in Revieren in Chatgruppen extremistische Inhalte getauscht wurden. Mit seinem Thriller "Der Zirkel" hat Leon Sachs also höchst aktuelle Bezüge und ein ausgesprochen spannendes Thema gefunden.

Drei Morde in drei Ländern scheinen zunächst nicht miteinander in Verbindung zu stehen. Doch die Berliner Polizeischülerin Johanna Böhm erkennt eine Gemeinsamkeit zwischen den Toten, die in eine Vergangenheit führen, die sie hinter sich glaubte. Denn Johannas Vater ist ein Rechtsextremist hinter Biedermann-Attitüde, der nun an der Spitze einer neuen Partei mit vermeintlich bürgerlich-rechtem Anstrich ins Bundeskanzleramt einziehen will.

Und noch einer ahnt eine Verbindung: Rasmus Falk, ehemaliger Offizier des Militärischen Abschirmdienstes und IT-Experte, dessen Frau von Rechtsextremisten ermordet wurde. Die Verurteilung scheiterte damals an der Anklage, da der Staatsanwalt auf dieses Weise insgeheim den Tätern half. Falk sinnt auf Rache und konfrontiert Johanna mit seinem Verdacht - wobei er ihr zunächst nicht traut. Könnte sie von ihrem Vater gezielt bei der Polizei platziert worden sein, gewissermaßen als Schläferin oder Maulwurf?

Das Misstrauen wird erwidert, denn Johanna weiß eine ganze Weile nicht, was sie von Rasmus halten soll. Sie informiert ihren Ausbildungsleiter über die Verbindung zwischen den Toten, doch zugleich ermitteln Rasmus und sie auf eigene Faust und müssen sich dabei den jeweiligen Dämonen ihrer Vergangenheit stellen. Dabei stoßen sie nicht nur auf mancherlei Überraschungen, sondern auch auf die Spur einer estnischen Software-Firma. Klar ist aber auch: Ihr neu gewonnenes Wissen ist gefährlich - und sie wissen nicht, wer innerhalb der Sicherheitsbehörden kompromittiert ist.

Reichlich dramatisch und mit manchem überraschendem Twist geht es in diesem Thriller zu, der zwar einen guten Plot, aber leider sehr schwarz-weiß gezeichnete Charaktere ohne sonderlich ausgeprägte Zwischentöne hat. Die Schreibweise ist teilweise arg pathetisch und palaktiv überzogen, was auf Kosten glaubwürdiger Protagonisten geht. 

Wer sich schon mal ein wenig mit der rechtsextremen (oder anderen extremistischen ) Szene befasst hat, weiß um die Indoktrination von früher Kindheit und Jugend an, wie inzwischen auch aus verschiedenen Aussteigerbiografien bekannt. Und auch die bewusste Isolation, die Kontakte zu einer anderen Umgebung und einem anderen Denken erschwert. Da wird dann einiges von Johannas Geschichte oder der ihres Bruders Hagen eher rätselhaft und bleibt ohne Erklärung.

Auch sonst wird manche Logik der dramaturgischen Idee geopfert - Rasmus hätte nach dem gescheiterten Prozess gegen die Mörder seiner Frau eine Berufung und damit eine Wiederaufnahme des Verfahrens anstreben können, bei den offensichtlichen Fehlern der Anklage dürfte ein Verfahren in der nächsten Instanz sicher sein. Aber das ist natürlich nicht so dramatisch wie ein persönlicher Rachefeldzug.

So bleibe ich mit recht gemischten Gefühlen zurück: Der Plot als solcher ist sehr interessant und spannend, die Umsetzung allerdings leider eher so lala. Ich wünschte, die Protagonisten hätten mich fesslen können - aber über weite Strecken des Buches wirkten sie leider wie Karrikaturen ihrer selbst.


Leon Sachs, Der Zirkel

Penguin 2022

463 Seiten, 16 Euro

978-3-328-10755-2

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