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Showing posts from May, 2024

Wahn, Liebe und Tod

 Im neuen Spreewaldkrimi von Christiane Diekerhoff um die Kommissarin Klaudia Wagner und ihre Kolleginnen und Kollegen des Polizeirevier Lübben geht es neben einem ziemlich blutigen Mordfall auch um allerlei große Dinge, von Transphobie über psychische Erkrankungen, Folgen tiefsitzender Traumata und daneben auch noch um viel Zwischenmenschliches im Arbeitsleben. Denn abgesehen davon, dass der ausgesprochen brutale Mord an einem Gerichtsvollzieher aufzuklären ist und kurze Zeit später auch die Frau, die den Toten gefunden hat, tot ist, gärt ein Konkurrenzkampf im Lübbener Revier: Der langjährige Dienststellenleiter wird in den Ruhestand gegen, Klaudia hat sich für die Stelle beworben. Mit 46 Jahren wird es Zeit, Aufstiegswillen zu zeigen - doch eigentlich ist sie ja Vollblutermittlerin.  Will sie sich das wirklich antun, einen Job, der von Verwaltung und Dienstplänen geprägt ist. Zudem hat Klaudia Konkurrenz durch den smarten LKA-Ermittler Meinert, Mitte 30 und obendrein Polize...

Urlaubskrimi mit einem Hauch von RomCom

 Lust auf Ostsee, Strand und Mord? Frauke Scheunemanns Cozy-Krimi "Mord am Haff" bietet all das mit einem Hauch von romantic comedy. Wer auf der Suche nach einem Thriller für harte Nerven ist, wäre hier nicht gut bedient, wer dagegen eine Prise Humor und einen gute Laune Krimi nicht nur für Strandkorb-Urlaub sucht, dürfte Gefallen an Radiojournalistin Franziska Mai finden. Zusammen mit ihrem Volo Janis ermittelt sie gewissermaßen in Konkurrenz zur Polizei und besonders dem gutaussehenden Kommissar Kay Lorenz. Es geht schließlich nicht nur um Einschaltquoten, sondern auch um das Überleben des Usedomer Privatrundfunks. Eine Einbruchsserie beunruhigt vor allem die wohlhabenden Usedomer, denn die Täter sind im hochpreisigen Segment unterwegs. Ist man denn nicht mehr sicher unterm Reetdach? Bei ihren Umfragen und in der Hörerpost bemerkt auch Franziska, dass die berühmte Volksseele kocht und auf der Suche nach Verdächtigen reflexartig über die nahe polnische Grenze schielt.  Ein p...

Tod eines Kritikers

 Literaten können empfindliche Wesen sein. Das kann ein Kritiker ganz schön Schaden anrichten. Was aber, wenn der Kritiker auch charakterlich ein eher unangenehmer Zeitgenosse ist? Als am Ende eines einwöchigen Literaturkolloquiums auf Sylt ein Literaturkritiker mausetot auf einer Bank an der Kampener Vogelkoje aufgefunden wird, merken die Kommissare Silja Blanck, Bastian Kreuzer und Sven Winterberg in Eva Eyleys Sylt-Krimi "Bitteres Ende" jedenfalls sehr schnell: Zwischen den schreibenden Schöngeistern und dem Kritiker herrschte so gar kein eitler Sonnenschein. Doch reicht das als Mordmotiv? Und wer hatte überhaupt die Gelegenheit? Oder waren sie es womöglich alle gemeinsam, wie bei "Mord im Orient-Express", um mal bei der (Kriminal-)Literatur zu bleiben? Die Kommissare verrennen sich in diesem Buch  gleich mehrmals und müssen ziemlich lange rumrätseln. Die dann doch sehr unterschiedlichen Literaten - ein Lyriker, eine Kinderbuchautorin, eine Ratgeberautorin und ei...

Unterhaltsamer Cozy mit ungewöhnlichem Ermittlerpaar

  Zwei Schriftsteller und ein Baby ermitteln in dem überdrehten und humorvollen Cozy-Krimi "Ein Toter lag im Treppenhaus" in dem Autor Andreas Neuenkirchen augenzwinkernd auch Influencertum, die Probleme des Genderns, Paarprobleme und Schreibblockaden aufs Korn nimmt. Die titelgebende Leiche gibt es natürlich auch.  Das Buch lebt von der Gegensätzlichkeit der Protagonisten: Amadeus Wolf galt einst als literarisches Wunderkind, aber in den letzten Jahren litt er unter Schreibblockade. Momentan vielleicht kein Wunder, denn seine Frau ist nun schon seit drei Monaten auf Dienstreise in Luxemburg und Wolf ist somit alleinerziehender Vater von Baby Maxine, der sich immer festhält an dem Wunschgedanken, er sei nicht verlassen worden, auch wenn weder Anruf noch WhatsApp-Nachricht ein Lebenszeichen der Gattin brachten. Muss eine sehr intensive Dienstreise sein. Amadeus mag ein kritischer Intellektueller sein, aber am praktischen Sinn fürs Leben hapert es doch ein bißchen. Holly McRose...

Mutter-Tochter-Gespann sucht einen Mörder

  So hatten sich Clara und Anneliese nicht ihre Mutter-Tochter-Auszeit in Südspanien vorgestellt: Erst wissen sie wegen Doppelbelegung nicht, wo sie in Granada bleiben sollen, dann finden sie einen sympathischen Vermieter, von dem vor allem die frisch verrentete Kinderärztin Anneliese sehr angetan ist (und umgekehrt). Das Glück währt aber nur kurz, denn der sympathische  Restaurateur auf der Alhambra liegt plötzlich tot in seiner Wohnung. Mehr und mehr sind die beiden Frauen überzeugt: Das war kein natürlicher Tod. Hinzu kommt, Clara hat als digitale Nomadin schon lange nicht mehr so eng mit ihrer Mutter zusammengelebt. Sie wollte ihr mit der gemeinsamen Zeit in Granada den Übergang in den Ruhestand erleichtern, muss aber feststellen: bei aller Liebe, es braucht auch klare Abgrenzungen. Etwa wenn Anneliese mal wieder ohne Klopfen und Respekt vor der Privatsphäre in Claras Zimmer steht, während die gerade mit Fernbeziehung Thorben in Kanada skypt. Neben der Frage, wo sie jetzt ...

Ein Toter im See und ein Cold Case in der Nachwende-Zeit

 Mit "Das Schweigen des Wassers" weckt Susanne Tägder Erinnerungen, jedenfalls bei meiner Generation. Leser*innen der der Millenials und noch jüngeren Generationen empfinden die Atmosphäre in einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern kurz nach der Wiedervereinigung vermutlich als Fenster in eine ihnen sehr ferne Welt. Doch damals war die Grenze in den Köpfen noch sehr frisch, die anfängliche Euphorie begann angesichts der Abwicklung tausender Arbeitsplätze einer großen Ernüchterung zu weichen und bei Ost-West-Begegnungen lauerte immer die Frage im Hinterkopf, wie sich Menschen früher verhalten hatten und ob sie womöglich in das DDR-System verstrickt gewesen waren. Das dürfte vor allem bei der Polizei als Organ der Sicherheitsdienste so gewesen sein. Auch Hauptkommissar Groth aus Hamburg, als "Aufbauhelfer Ost" an den Ort seiner Jugend zurückgekehrt, fremdelt noch mit den neuen Kollegen - und die mit ihm. Ohnehin ist der nachdenkliche Polizist, der eigentlich gerne...

Schlagfertige Reporterin auf der Jagd nach Serienmörder

 Der Titel "Doch das Messer sieht man nicht" von I. L. Callis´historischem Kriminalroman hat mich gleich getriggert - klar, die Ballade von Mackie Messer, Glanz und Elend der Weimarer Republik, dazu eine expressionistisch angehauchte Covergestaltung, die ebenfalls in die Zeitperiode passt. Ich war sofort neugierig auf Anais Maar, die Protagonistin dieses Buchs, die eher unfreiwillig einem Serienmörder nachstellt, der an Jack the Ripper erinnert. Auch hier handelt es sich bei den Opfern um Prostituierte aus armen Verhältnissen, hier am Schlesischen Bahnhof. Dabei ist Anais eigentlich Leiterin der Kulturredaktion bei einem Berliner Wochenblatt und interessiert sich eher für eine literarische Zukunft. Journalistisch eifert sie dem großen Vorbild Egon Erwin Kisch nach, der im deutschsprachigen Journalismus die Form der literarischen Reportage begründet hat. Aber das Polizeiressort entlockt ihr zunächst doch ein gewisses Naserümpfen. Allerdings ist Anais nicht nur ein feuilletonis...