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Schlagfertige Reporterin auf der Jagd nach Serienmörder

 Der Titel "Doch das Messer sieht man nicht" von I. L. Callis´historischem Kriminalroman hat mich gleich getriggert - klar, die Ballade von Mackie Messer, Glanz und Elend der Weimarer Republik, dazu eine expressionistisch angehauchte Covergestaltung, die ebenfalls in die Zeitperiode passt. Ich war sofort neugierig auf Anais Maar, die Protagonistin dieses Buchs, die eher unfreiwillig einem Serienmörder nachstellt, der an Jack the Ripper erinnert. Auch hier handelt es sich bei den Opfern um Prostituierte aus armen Verhältnissen, hier am Schlesischen Bahnhof.

Dabei ist Anais eigentlich Leiterin der Kulturredaktion bei einem Berliner Wochenblatt und interessiert sich eher für eine literarische Zukunft. Journalistisch eifert sie dem großen Vorbild Egon Erwin Kisch nach, der im deutschsprachigen Journalismus die Form der literarischen Reportage begründet hat. Aber das Polizeiressort entlockt ihr zunächst doch ein gewisses Naserümpfen.

Allerdings ist Anais nicht nur ein feuilletonistischer Feingeist, in ihrer Freizeit boxt sie, was für Frauen ihrer Zeit verboten ist. Als Tochter einer Deutschen und eines Afrikaners wird sie seit ihrer Kindheit teils rassistisch beleidigt, teils als Exotin behandelt, Was sie andererseits schützt, ist ihre privilegierte Herkunft aus dem gehobenen Großbürgertum. Dennoch beginnt auch in der Redaktion des "Brennpunkt" die politische Aufspaltung der Gesellschaft Wurzeln zu schlagen.

Eine andere starke Frauenfigur dieses Buchs ist Josefine, die von einer Zukunft beim Film träumt, als Partygirl aus prekären Verhältnissen aber vor allem zahlungskräftige Männer braucht und für die harte, wenig schillernde Seite des Berlins der späten 1920-er Jahre steht. Für mich ist Josefine dabei glaubwürdiger als die arg konstruiert wirkende Figur der Anais.

Ein klassischer Whodunit ist dies nicht, die Polizeiarbeit spielt hier keine Rolle, vielmehr ist der Kriminalfall in das Zeitporträt eingebettet. Das ist wohl auch besser, denn ich konnte mir schon bald denken, wer hinter den Morden steckt. Die Atmosphäre des gleichzeitig schillernden und sich zuspitzenden Berlins der Weimarer Republik ist gut eingefangen und macht das Buch lesenswert.


I.L. Callis, Doch das Messer sieht man nicht

Emons 2024

352 Seiten, 17 Euro

 9783740820480 

 

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