Die Buchbeschreibung von "Ein Schrei, den niemand hört" von Alex Smith machte schon einmal neugierig: Ausgerechnet ein auf Vermisstenfälle spezialisierter Ermittler ist nun selbst betroffen: Robert Kletts Frau ist entführt worden, er weiß nicht, ob sie überhaupt noch lebt. Trotz all seines Spezialwissens kann er seinen liebsten Menschen nicht finden. Als ob das allein nicht schon belastend genug wäre, ist er unversehens alleinerziehender Vater, der für seine drei kleinen Töchter im Alter von 18 Monaten, drei und sieben Jahren, alle mit höchst unterschiedlichem Temperament Normalität wahren muss.
In Norfolk, einer neuen Umgebung, soll Klett eigentlich auf andere Gedanken kommen und sich auf seine Kinder konzentrieren. Doch das spurlose Verschwinden zweier Mädchen lässt die angedachte Auszeit scheitern. Klett bietet der örtlichen Polizei seine Zusammenarbeit und Expertise an. Der örtliche Kripochef, Typ Grantler, ist davon zunächst einmal gar nicht angetan. Zum einen, weil er Londoner Polizisten generell Besserwissertum unterstellt, zum anderen, weil Klett immer mindestens ein Kleinkind im Schlepptau hat und die Kinderbetreuung sicherstellen muss. Das ist mit hochtourigen Polizeiermittlungen nur begrenzt kompatibel.
Zum besonderen Reiz dieses Spannungsroman gehört, dass er nicht nur fesselt, sondern trotz aller Dramatik Humor hat. Dafür sorgen schon Kletts Probleme mit dem lieben Kleinen. Die können nämlich ganz schön nervig werden und zeigen: Elternsein ist nichts für Weicheier. Auch Kletts Kollegen haben alle so ihre besonderen Eigenheiten, an die er sich erst mal gewöhnen muss. Mit dieser Mischung hat mich Smith eingefangen - so sehr, dass ich nicht nur "Ein Schrei, den niemand hört" in einer Nacht durchlas, weil ich einfach nicht aufhören konnte, ich musste auch sofort den Folgeband "Die Schatten, die dich jagen" lesen, der zeitlich wenige Wochen nach Kletts erstem Fall spielt.
Klett ist mittlerweile Teil des Ermittlerteams in Norfolk, von seinem letzten Fall aber noch angeschlagen, nicht nur physisch, sondern auch wegen eines kryptischen Hinweises auf die Entführung seiner Frau. Ein Leichenfund im Wald erinnert an eine alte Volkssage, den dämonischen "Black Shuck", der in den Wäldern mordet. Großstadtmensch Klett findet die dichten Wälder zwar eher unheimlich, glaubt aber nicht an Gespenster. Doch das Böse, er ahnt es, ist hier am Werk.
Auch der zweite Band ist unglaublich spannend, denn Klett ist engagiert bis zur Schmerzgrenze und wenn er sich in einen Fall verbissen hat, pfeift er sowohl auf Dienstvorschriften wie auf Risiko. An diesem Punkt habe ich mitunter meine Probleme mit der Impulsivität Kletts, der keineswegs unfähige Kolleginnen und Kollegen hat. Dennoch ignoriert er wiederholt die Tatsache, dass er für drei kleine Mädchen der einzig verbliebene Elternteil ist. Zwar macht er sich wiederholt klar, wie traumatisch es für seine Töchter wäre, würden sie auch ihn verlieren - doch dann prescht er doch wieder im Alleingang vor. Spannung und Dramatik sind auch hier garantiert - da lässt sich ahnen, dass der Abschlussband der Triologie noch einmal sämtliche Register zieht.
Alex Smith, Ein Schrei, den niemand hört
Rowohl 2025
304 Seiten, 14 Euro
978-3-257-07333-1
Alex Smith, Die Schatten, die dich jagen
Rowohlt 2025
304 Seiten, 13 Euro
9783499016745
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