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Alles ganz anders - Shalom Berlin

Die Journalistin Hanna Golden, sonst auf leichte Frauenthemen abonniert, hat über die Schändung eines Grabes auf einem jüdischen Friedhof geschrieben - und plötzlich ist sie nicht nur  antisemitischen Angriffen im Netz, sondern ganz konkreten Attacken ausgesetzt. Ein Unbekannter dringt in ihre Wohnung ein, schnell eskalieren die Aggressionen. Die Staatsschutzabteilung der Berliner Polizei übernimmt die Ermittlungen und den Schutz der Journalistin.  Ermittler Alain Liebermann versucht dem Täter auf die Spur zu kommen. Liebermann ist die Hauptfigur des Romans "Shalom Berlin", mit dem Theatermann Michael Wallner den Auftakt einer neuen Krimireihe schrieb. Solide, aber über weite Strecken auch ein bißchen mit heißer Nadel gestrickt - der Folgeband soll wohl schon im Juni erscheinen.

Als Polizist aus dem Staatsschutz ist Liebermann mit allen Formen von politischem und religiösen Extremismus befasst - Antisemitismus könnte er aber durchaus persönlich nehmen: Er ist selbst jüdisch, aufgewachsen bei seiner Großmutter Helene, die in Berlin im Untergrund die Nazizeit überlebt hat und die unumstrittene Matriarchin eines großen, über Länder und Kontinente verzweigten Familienclans ist. Liebermann ist religiös, ohne sein Judentum demonstrativ vor sich her zu tragen. Und er scheut sich nicht, ungewöhnliche Bundesgenossen zu suchen: Bei seinen Ermittlungen kann er ausgerechnet eine selbstbewusst-feministische Rechtsextremistin als Informantin gewinnen.

Die Ermittlungen werden auch für die Polizisten gefährlich: Liebermanns Kollegin wird von einem potentiellen Verdächtigen niedergeschossen, er selbst bei einem Messerangriff verletzt. Doch trotz des Schusses auf die Kollegin scheint es Liebermann zunehmend, dass alles auch ganz anders sein könnte. Gibt es womöglich noch ganz andere Hintergründe? Warum ist ausgerechnet Hanna, die in der Vergangenheit nie zu rechtsextremistischen Tätern recherchiert hat, ins Visier des Täters geraten?

Zudem glaubt Liebermann, dass Hanna zusätzlich Gefahr durch ihren Freund droht, ein oberflächlich  charmanter, doch labiler Mann, der zu Gewalt zu neigen scheint.  Als die Polizisten sein Vorleben durchleuchten wollen, stoßen sie auf Widerstände von ganz oben.  Und Hanna will keine Warnungen hören.... 

Mit diesem Fall wäre Liebermann eigentlich schon gut ausgelastet, doch auch privat tut sich einiges im Leben des Ermittlers, dessen Frau vor einem Jahr starb. Obwohl er noch immer trauert, entwickelt er Gefühle für eine andere Frau. Ausgerechnet eine Nichtjüdin mit dem Nachnamen Göring. Wie wird da wohl die Familie reagieren...

Letztlich ist es Liebermanns Vertrautheit mit jüdischer Tradition, die ihm den Durchbruch in dem Fall erleichtert. Und doch gibt es ganz andere Wendungen als Hakenkreuzschmierereien vermuten lassen könnten. Was wie ein Politthriller startet, enthält auch viel Persönliches. Dabei schreibt Wallner spannend und ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger - was bei diesem Thema nicht immer selbstverständlich ist.  Am beeindruckendsten  sind dabei die Episoden, wo es um Verharmlosung und Leugnung von Antisemitismus und Neonazismus geht. Wie kommt es zum Wegschauen, zum Beschwichtigen, zum So-Tun, als sei die Hakenkreuzfahne im Zimmer des Nachbarn nichts Alarmierendes? Eine starke Figur ist die ebenso hochbetagte wie quicklebendige Helena, die trotz ihrer Lebenserfahrung in der Lage ist, Hass mit Liebe zu überdecken.

Michael Wallner, Shalom Berlin
Piper Verlag, 2020
288 Seiten, 12,99 Euro
978-3492061919

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