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Trolle, Fake News und die Suche nach der Wahrheit - "russische Botschaften"

 Journalisten sind eitel und hungrig nach Anerkennung - ganz besonders in der speziellen Blase der Hauptstadt- und Investigativjournalisten. Das ist die Welt, die Yassin Mussarbash in seinem Thriller "Russische Botschaften" beschreibt und die er aus eigener Erfahrung - der Mann arbeitet schließlich in dem Milieu, über das er schreibt - gut kennen dürfte.  Merle Schwalb, die Protagonistin des Buches, ist da keine Ausnahme. Dass sie in das elitäre Investigativteam aufgenommen ihrer Zeitung aufgenommen wird, ist gewissermaßen der Ritterschlag für die ehrgeizige Journalistin. Wie weit die Investigativen von der Allgemeinheit der Redaktion entfernt sind, zeigt sich schon allein am gesiezten Umgang - und das in einer Branche, in der üblicherweise Duzkultur herrscht.

Als in einem Neuköllner Restaurant ein Mann von einem Balkon stürzt und buchstäblich neben ihr aufschlägt, wittert Merle eine Story. Erst geht sie von Clan-Kriminalität aus - Neukölln eben. Dann stellt sich heraus, der Tote was Russe und als Techniker an der Botschaft beschäftigt. Durch Zufall erfährt sie vom Kollegen eines Konkurrenzblatts, dass auch dieser im Fall eines toten Russen recherchiert, der eine geheimnisvolle, chiffrierte Liste verbreiten wollte mit Namen deutscher Persönlichkeiten, die sich von Russland haben kaufen lassen. Schnell ahnt Merle - es geht um den gleichen Russen, sie und der Kollege haben lediglich unterschiedliche Quellen und Einstiege in die Story.

Nun könnte ein Rattenrennen drohen - zwei Konkurrenten, die schneller als der andere mit der exklusiven Geschichte herauskommen müssen. Doch unter denjenigen, die sich für russische Einflussnahme  instrumentalisiert haben sollen, sind pikanterweise auch Journalisten der beiden konkurrierenden Blätter. Als Neumitglied des Investitgativteams hat Merle nicht nur eine Geschichte, die explosiv sein dürfte, sie muss auch ihre Kollegen überreden, mit der Konkurrenz gemeinsam zu recherchieren und zu arbeiten. Egos und Eitelkeiten müssen einmal hintenangestellt werden - für manche Edelfeder eine ausgesprochen schwierige Herausforderung.

Schnell finden die Journalisten heraus, dass sie mit russischen Ermittlerteams zusammenarbeiten müssen und bei aller Diskretion nicht ausbleibt, dass man auf sie aufmerksam wird. Trolle, Fake News-Vorwürfe auf social Media und Angriffe unter der Gürtellinie müssen ebenso bewältigt werden wie der Aufbau von Vertrauen in einem Team, in dem Konkurrenzgeist und persönlicher Ehrgeiz den Geist der Zusammenarbeit immer wieder stören. Hinzu kommt die Frage - sind die Journalisten auf einer echten Spur oder werden sie manipuliert? Faktencheck ist schwer, wenn alles heimlich und konspirativ erfolgen muss. Doch gleichzeitig wissen sie spätestens seit dem Sündenfall eines mehrfach preisgekrönten Kollegen, der sich seine Reportagen aus den Fingern gesogen hat, dass sie sich an ihren eigenen Ansprüchen messen lassen müssen.

"Russische Botschaften" verbindet Spannung und Insiderwissen. Das gilt ebenso für das Schaulaufen von Eitelkeiten bei Redaktionskonferenzen wie dem mitunter verkrampften Versuch mancher Medien, sich für Diversität stark zu machen, auch wenn diese Diversität innerhalb der eigenen Reihen nicht unbedingt verkörpert wird. Da passt es auch durchaus, dass Merle aus begütertem Elternhaus stammt und dank finanzieller Privilegien sich auf den beruflichen Fortschritt konzentrieren kann. 

Was ist man bereit, für die Suche nach der Wahrheit zu opfern? Und wie weit würden andere gehen, um eine Enthüllung zu verhindern? Das ist die eigentliche Frage, vor der Merle und ihre Kolleg*innen stehen.   "Russische Botschaften" bietet spannende Unterhaltung und Einblicke in die Hauptstadtblase von Medien und Politik, in die Macht soizialer Medien und Gerüchte, gegen die auch Fakten nicht immer angehen können.

Yassin Musharbash, Russische Botschaften

KiWi-Verlag

400 Seiten, 16.00 Euro

978-3-462-00096-2


  

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