Skip to main content

Hafenkrimi, ziemlich dick aufgetragen

 Viel Hamburg- und Hafenflair hatte ich mir von Tod an den Landungsbrücken des Autoren-Ehepaares Kästner & Kästner versprochen. Eine LKA-Kommissarin Ende 50 und ein Wasserschutzpolizist ermitteln nach dem gewaltsamen Tod eines Barkassenkapitäns gemeinsam. War der Mann, der als allseits beliebt war, in krumme Geschäfte am Hafen verwickelt? Hat er sich übernommen, um seiner jungen, attraktiven Frau ein gutes Leben zu ermöglichen? Geriet ein Konkurrenzkampf ausser Kontrolle?

Neben all diesen Fragen hat das Ermittlungsteam auch allerlei private Konflikte auszustehen: Die erfahrene Kommissarin Jonna Jakobi hat Probleme mit ihrer Chefin, die sie wegzumobben versucht, Wasserschutzpolizist Tom vernachlässigt vor lauter Ermittlungen seine wegen unerfüllten Kinderwunsches depressive Ehefrau, hat aber offenbar immer noch genug Muße, sich für die Opferschutzbeauftragte zu interessieren, die wiederum von ihrem toxischen Ex-Mann gestalkt wird und ihre heftig pubertierende Tochter schützen will.

Der Verlag verspricht, dass Angelique und Andreas Kästner wissen, worüber sie schreiben, als Psychologin mit Erfahrung in Krisenintervention wie als ehemaliger Wasserschutzpolizist.  Nur kommt es mir vor, als hätte sich das Duo manche Alltagserfahrung nachträglich geschönt. Da ist Wasserschutzpolizist Tom, der nur als Hafenexperte in die Ermittlungsgruppe einbezogen wird, plötzlich derjenige, der am Steuer nicht nur des Streifenbootes steht, sondern mal eben spontan ohne weitere Absprachen einen Einsatz steuert, ja selbst das SEK forsch bereitstellt - man kann ja nie wissen.

Das ist dann doch ziemlich dick aufgetragen - die Polizei ist schließlich ein ausgesprochen hierarchischer Verein und da sind die Rollen zwischen LKA und Wasserschutzpolizei ziemlich klar verteilt. Auch dass sich eine Ermittlerin mit mehreren Jahrzehnten Erfahrung ihre Mordermittlung von einem Beamten hijacken ließe, der noch nicht mal Kriminalpolizist ist - nein, nicht sehr wahrscheinlich. Eine Frau, die zur Generation gehört, die sich bei der Polizei noch richtig durchsetzen musste, reagiert da sicher nicht mit nettem Lächeln und lässt ihn einfach machen.

Auch manche Dialoge und ungewollt fast schon komischen, da so dramatischen Formulierungen machen es beim Lesen nicht besser. Hafenflair gibt es reichlich und zwischen Elbphilharmonie, Köhlbrandbrücke und Speicherstadt hat man den Geruch von Fischbrötchen und Schmieröl beim Lesen in der Nase. Aber ein wohlmeinendes Lektorat mit entschiedenem Vorgehen gegen überdramatisches Pathos hätte dem Buch gut getan.

Kästner und Kästner, Tatort Hafen. Tod an den Landungsbrücken

Knaur 2024

320 Seiten, 12,99 Euro

9783426530665

Comments

Popular posts from this blog

Das Herz der Dunkelheit schlägt auf der Ferieninsel

  Seit seine 16 Jahre alte Tochter Emme vor vier Jahren während eines Urlaubs mit zwei Freundinnen auf der Ferieninsel Mallorca verschwand, ist der ehemalige schwedische Polizist Tim Blank ein Besessener. Er hat die Arbeit aufgegeben, ist nach Mallorca gezogen, sucht nach seiner Tochter. Anders als die Ermittler will er nicht aufgeben und er will auch nicht loslassen. Die Suche des verzweifelten Vaters, der selbst immer tiefer in einem Strudel von Alkohol, Gewalt und Korruption versinkt hat Mons Kallentoft  bereits in seinem Roman "Verschollen in Palma" erzählt.  Nun ist "Das dunkle Herz von Palma" als Fortsetzung erschienen und es ist vielleicht sogar noch düsterer, auch wenn die Beziehung zu seiner Frau wieder stabiler, wenn auch keineswegs unkompliziert geworden ist. Denn die beiden haben eine kleine Tochter - doch es ist ein Familienleben auf Distanz. Tim hält Frau und Tochter auf Abstand, scheint es schon für mangelnde Loyalität gegenüber Emme zu empfinden, wen...

Ermittlungen in der kleinen Stadt am Rhein - Die Akte Adenauer

 Philipp Gerber ist Amerikaner - aber geboren wurde er als Deutscher. Seine Familie emigrierte in den frühen 30-er Jahren in die USA, weil sie unter den Nationalsozialisten keine Zukunft sah. Gerber kämpfte nicht nur in der US-Army, er war wegen seiner Deutschkenntnisse auch beim Militärgeheimdienst. Nun aber, es ist das Jahr 1953 und der Kalte Krieg im vollen Gang, bekommt er innerhalb von Stunden einen deutschen Pass und einen neuen Job beim noch jungen Bundeskriminalamt in Bonn. Offiziell soll er die Nachfolge eines bei einem Unfall getöteten Kollegen antreten. Inoffiziell soll er herausfinden, woran dieser Kollege gearbeitet hatte. Denn auch der hatte für den Militärgeheimdienst gearbeitet.... Gerber stößt bei seinen neuen Kollegen auf Misstrauen - zum einen, weil sein prompter Wechsel zum BKA als Protektionismus gesehen wird, zum anderen, weil in den deutschen Sicherheitsbehörden längst noch alles nicht so demokratisch ist, wie behauptet wird. Im Gegenteil - unter seinen Kolle...

Surferparadies mit Schatten

 Die Romane von Lucy Clarke sind eine Mischung aus psychologischer Spannung, meist wunderschönen Schauplätzen und der Dynamik von Frauenfreundschaften - bis dann eben das scheinbare Paradies durch Tod und/oder Gewalt erschüttert wird und sich hinter mancher Fassade eine unangenehme Wahrheit offenbart. Das ist in ihrem neuen Buch "The Surf House" über eine Surfer Community an der marokkanischen Küste nicht anders: Model Bea bricht ein Foto-Shooting in Marrakesch ab und beschließt spontan, abzureisen. Sie will dieses Leben nicht mehr - was sie eigentlich will, weiß sie allerdings auch nicht. Als sie Opfer eines Raubüberfalls wird, kommt ihr Marnie zu Hilfe, die mit ihrem Freund ein Surfer-Hostel an der Küste betreibt. Der Zwischenfall endet mit einem in Notwehr getöteten Räuber, Bea hat weder Geld noch ihren Pass. Marnies Hostel ist zunächst Fluchtpunkt für ein paar Nächte, wird aber bei längerer Zeit zu dem Ort, an dem sich Bea neu orientiert, für Kost und Logis arbeitet, auf ...