Ein Haus inmitten einen dunklen, fast undurchdringlichen Waldes - das ist der Stoff, aus dem klassische Märchen und Horrorgeschichten sind. Was bei Hänsel und Gretel (oder Brad und Janet in der Rocky Horror Picture Show) funktionierte, setzt Triona Walsh auch als Setting in ihrem Thriller "Nachtwald" ein.
Ich-Erzählerin Lizzie hat eine dunkle Phase ihres Lebens hinter sich, in der das Verhältnis zu ihrer Familie gelitten hat: Nach dem Tod ihres Vaters geriet sie in eine Abwärtsspirale von Drogen und Alkohol, verursachte einen schweren Unfall, bei dem ihr jüngerer Bruder verletzt wurde. Nach einem halben Jahr in einer Entzugsklinik ohne jeden Kontakt zu Mutter und Bruder gibt es ein Familientreffen der besonderen Art: Lizzie wird ein neuer Stiefvater namens George präsentiert, nach einer ganz kleinen Hochzeit steht nun die Feier mit der allerengsten Familie an: Das Hochzeitspaar, Lizzie und ihr Bruder, die Tochter aus Georges erster Ehe, die mit frisch angetrautem Überraschungsehemann aus den USA anreist.
Ort der Begegnung ist Georges Familienstammsitz im westlichen Irland, ein arg renovierungsbedürftiges Herrenhaus inmitten eines dunklen, fast undurchdringlichen Waldes ohne Handy-Empfang und Zugangsstraßen. Als ein weiterer uneingeladener Gast auftaucht, eskaliert die Situation. Und nach und nach stellt sich heraus, dass viele Teilnehmer des Hochzeitswochenendes Geheimnisse und eine eigene Agenda haben.
Lizzie muss nicht nur versuchen, wieder Vertrauen bei Mutter und Bruder finden, mit Rückfallgefahren kämpfen und sich an eine neue Verwandtschaft gewöhnen, sondern stellt bald fest, dass unter den Ex-Junkies ihrer Entzugszeit vermutlich mehr Ehrlichkeit herrschte als im neuen erweiterten Familienkreis.Während Geheimnis nach Geheimnis gelüftet wird, geht es bald ums Überleben.
Locked Room-Thriller haben für mich immer einen Reiz, wobei sich hier auch schnell ein Escape Room-Element hinzugesellt. Insofern hat mit der Klappentext zu "Nachtwald" gleich getriggert. Allerdings blieben die Charaktere ziemlich oberflächlich, teilweise zu melodramatisch. Lizzie als Süchtige auf der Suche nach Vertrauen und Rückkehr zu Normalität hätte eine komplexe Figur sein können, ihr Verhältnis zu Mutter und Bruder viel tiefer ausgelotet werden können. Hier, wie auch bei der Entwicklung des Plots ist mir vieles zu schablonenhaft und unter dem Potential geblieben.
Insofern: Nette Spannungslektüre für zwischendurch, ich hätte mir aber mehr versprochen.
Triona Walsh, Nachtwald
S. Fischer 2024
384 Seiten, 17.00 Euro
9783596709014
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