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Ministerpräsident im Zwielicht

  Investigativjournalistin Julia ist gleich doppelt gefrustet: Ihre Karriere stockt, seit sie ein wenig sehr aggressiv eine Pressesprecherin um Informationen anging. Und Ehemann Alfred, der ihr bisher mit Hausarbeit und Kindererziehung den Rücken freihielt, hat plötzlich selbst einen fordernden Job als Pressesprecher des Ministerpräsidenten. Schon vor Amtsantritt besteht er seine erste Feuerprobe. Julia ist zwar durchaus stolz auf ihn, aber dass sie sich plötzlich verstärkt um die Kinder kümmern und an Einkaufslisten denken muss - nein, das passt ihr gar nicht, auch wenn sie eigentlich ausgemacht haben, dass nach zehn Jahren Carework jetzt mal Alfred dran ist mit dem beruflichen Durchstarten.

Soviel zur Ausgangsposition von "Die Stockholm Protokolle" von Joakim Zander und Moa Berglöf, die als tatsächliche langjährige Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten mit dem Einblick in Macht und Intrigen recht vertraut sein dürfte. Alfred dagegen, der als Außenseiter in die Regierungskanzlei kommt und keine langjährige Parteimitgliedschaft vorweisen kann, kommt bei aller beruflicher Expertise ein wenig unter die Räder angesichts der Powerspielchen im Regierungsstab. Erst klare Worte einer langjährigen Sekretärin machen ihm klar, dass Kompetenz alleine nicht ausreicht. Er muss die ungeschriebenen Spielregeln schnell lernen.

Ein Ehepaar mit solcher Jobverteilung könnte in jedem Fall Reibungsverluste spüren. Eine echte Belastungsprobe entsteht, als Julia Hinweise auf dunkle Flecken auf der vermeintlich weißen Weste von Alfreds Chef erhält. Die ehrgeizige Journalistin wittert Morgenluft für ihre angeknackste Karriere. Und da kennt sie gar nichts - auch nicht, wenn es darum geht, welche Auswirkungen ihre offensiven Recherchen für Alfred haben. Oder wie ehrlich sie mit Interviewpartnern umgeht.

"Die Stockholm Protokolle" überzeugen mich vor allem dort, wo es um den Politikbetrieb zwischen Stockholm und Brüssel geht, um Strategien und Taktiken. Da merkt man, dass das Autorenduo über eine Szene schreibt, in der sie sich gut auskennen. Kleiner Wermutstropfen ist Protagonistin Julia, die die meiste Zeit einfach unsympathisch und total ichfixiert rüberkommt. Ihr Ehrgeiz hat etwas verbissenes, die Kinder werden zwar durchaus geliebt, sind aber irgendwie lästig, wenn sie sich praktisch mit ihnen beschäftigen muss (wie unverschämt von der Kita, zu erwarten, dass die Mutter an einem Regentag für Wechselkleidung sorgt oder daran denkt, dass die Kinder nass werden könnten) und Alfred ist lieb und gut, wenn er ihr die Care-Arbeit abnimmt, aber plötzlich an eigene Erfolge im Berufsleben zu denken, ist unverschämt. Sprich, sie zeigt die klassischen Verhaltensweisen eines "alten weißen Mannes", der mich ebenso nerven würde.  Da sie die eigentliche Protagonistin ist, war ich beim Lesen entsprechend oft genervt. An dem spannenden Plot ändert das nichts.


Joakim Zander, Moa Berglöf, Die Stockholm Protokolle

Rohwolt 2026

448 Seiten, 18 Euro

9783499018831

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