Skip to main content

Geschworenenpflicht mit Folgen - Verweigerung

 Das Geschworenensystem wie etwa in der amerikanischen Justiz ist gleichermaßen faszinierend wie erschreckend, wenn man sonst gerade bei großen Prozessen die vorherrschende Rolle von Berufsrichtern kennt. Da sind einerseits ganz normale Leute, die vielleicht andere Perspektiven in die Lebenswirklichkeit von Angeklagten haben als die Juristen, die Vorstellung der gemeinsamen Entscheidungsfindung, der Bürgerverantwortung und dass ein Angeklagter die Chance hat, von Mitbürgern be- und verurteilt zu werden. 

Da ist aber auch das Risiko, dass eine Geschworenenjury nach Sympathien und Antipathien entscheidet, dass bewusste und unbewusste Vorurteile die Entscheidung prägen, auch wenn die Prozessparteien vorher versuchten, voreingenommene Geschworene auszuschließen. Die Gefahr, dass Charisma, Überzeugungskraft oder schlichtes Dominanzgebaren eines oder mehrerer Geschworener die allgemeine Meinung einer Jury für oder gegen eine Verurteilung kippen lässt. Könnte es nicht sein, dass professionelle Juristen, die eine ganz andere und oft jahrelange Erfahrung mit Strafprozessen haben, rationaler und fundierter eine Entscheidung treffen können?

Eines ist klar: Dass Geschworenensystem ist die Basis für gure und spannende Justizdramen. Man denke nur an "Die zwölf Geschworenen" oder "Die Runaway Jury". Und auch "Verweigerung" von Graham Moore ist da keine Ausnahme. Der amerikanische Justizthriller verbindet zudem gleich zwei Genres - den Gerichts- und den Kriminalroman, eingebettet in die Veränderung der amerikanischen Gesellschaft von den Obama- hin zu den Trump-Jahren, thematisiert den Umgang mit Rassismus, Vorurteile und natürlich die Frage nach Schuld. 

Maya Seale war im Jahr 2009 eine junge Frau voller Ideale, die sich wie viele ihrer Generation für die Wahl Barack Obamas als ersten schwarzen Präsidenten der USA engagiert hat, als sie Geschworene in einem Mordprozess in Los Angeles wird. Gleich am ersten Prozesstag trifft sie Rick Leonard, der ebenfalls als Geschworener berufen wurde.  In dem Indizienprozess ist ein junger afroamerkanischer Lehrer angeklagt: Er soll ein Verhältnis mit einer Schülerin gehabt, sie entführt und ermordet haben. Die Leiche der Tochter einer Milliardärs und Immobilienmoguls wurde nie gefunden.

Ist Bobby Nock Opfer von Rassismus, gerade in einer Stadt wie Los Angeles, in der die Polizei in mehrere einschlägige Skandale verwickelt wurde? Gibt es auch andere Erklärungen für die Blutstropfen, die in seinem Auto gefunden wurden. Beweisen die Sexting-Nachrichten, die zwischen ihm und Jessica Silver ausgetauscht wurden, eine sexuelle Beziehung - was automatisch sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen bedeuten würde - oder geht es hier nur um Phantasien? Vor allem: Reichen die Indizien aus, um Bobby Nock ohne Zweifel schuldig zu sprechen? Eines der ganz wichtigen Prinzipien der Rechtsprechung lautet schließlich: In dubio pro reo, also im Zweifel für den Angeklagten.

Dass die Namen der Geschworenen geleakt wurden und die Jury für die Verfahrensdauer in einem Hotel untergebracht werden muss, verschärft die Anspannung noch. Als es zu den Beratungen der Jury kommt, hat Maya als einzige Zweifel, verweigert sich einem Schuldspruch und schafft es , ein Jurymitglied nach dem anderen auf ihre Seite zu ziehen - und sei es nur, um endlich wieder nach Hause zu kommen. Der letzte, der an einer Verurteilung beharrt, ist Rick - nicht nur einer von nur zwei Afroamerikanern in der Jury, sondern auch derjenige, mit dem Maya während des Prozesses eine heimliche, heftige Affäre hat.

Zehn Jahre nach dem Freispruch für Bobby Nock wird die Jury wieder zusammengerufen in dem Hotel, in dem sie einst um eine Entscheidung rang. Diesmal für eine Fernsehproduktion. Stargast ist Rick, der nach dem Prozess ein Buch über den Fall geschrieben hat, in dem er vor allem Maya heftig angriff. Die wiederum hat aufgrund ihrer Erfahrung im Prozess Jura studiert, ist nun eine erfolgreiche Strafverteidigerin. Rick, so heißt es, hat neue Beweise für die Schuld von Bobby Nock zusammengetragen. In den zehn Jahren hat er sich offenbar mit nichts anderem beschäftigt als mit dieser Frage. 

Doch noch ehe es zu irgendwelchen Enthüllungen kommt, findet Maya Rick tot in ihrem Hotelzimmer. Plötzlich steht sie unter Mordverdacht. Um ihre Unschuld zu beweisen, recherchiert sie nach Verdachtshinweisen bei den anderen Ex-Geschworenen, sucht nach Bobby Nock. Während Maya um ihren Ruf und ihre Freiheit kämpfen muss, springt die Erzählhandlung immer wieder zurück in die Zeit des Prozesses und zu den einzelnen Jurymitgliedern mit ihren Motivationen.  Dabei schafft es Moore, Verdachtsmomente und mögliche Motive zu schaffen und mit immer neuen Wendungen zu überraschen. 

Manches an der Lösung des Falls lässt sich durch diese Hinweise schon relativ früh erahnen, anderes klärt sich erst ganz zum Schluss auf. Spannend und mit Einblicken in die Psyche der so unterschiedlichen Jury-Mitglieder geschrieben, zeichnet Moore dabei auch ein Bild der amerikanischen Gesellschaft mit ihren Brüchen, Kontrasten und Widersprüchen. Die Frage nach Schuld ist dabei auch mit der Frage nach Verantwortung und dem "Richtigen" verbunden, mit den Auswirkungen, die eine Entscheidung auf das Leben Unschuldiger hat, die nur allzu leicht Kollateralschäden bleiben. 


Graham Moore, Verweigerung

Eichborn, 2020

400 Seiten, 22 Euro

978-3-8479-0053-5

Comments

Popular posts from this blog

Das Herz der Dunkelheit schlägt auf der Ferieninsel

  Seit seine 16 Jahre alte Tochter Emme vor vier Jahren während eines Urlaubs mit zwei Freundinnen auf der Ferieninsel Mallorca verschwand, ist der ehemalige schwedische Polizist Tim Blank ein Besessener. Er hat die Arbeit aufgegeben, ist nach Mallorca gezogen, sucht nach seiner Tochter. Anders als die Ermittler will er nicht aufgeben und er will auch nicht loslassen. Die Suche des verzweifelten Vaters, der selbst immer tiefer in einem Strudel von Alkohol, Gewalt und Korruption versinkt hat Mons Kallentoft  bereits in seinem Roman "Verschollen in Palma" erzählt.  Nun ist "Das dunkle Herz von Palma" als Fortsetzung erschienen und es ist vielleicht sogar noch düsterer, auch wenn die Beziehung zu seiner Frau wieder stabiler, wenn auch keineswegs unkompliziert geworden ist. Denn die beiden haben eine kleine Tochter - doch es ist ein Familienleben auf Distanz. Tim hält Frau und Tochter auf Abstand, scheint es schon für mangelnde Loyalität gegenüber Emme zu empfinden, wen...

Ermittlungen in der kleinen Stadt am Rhein - Die Akte Adenauer

 Philipp Gerber ist Amerikaner - aber geboren wurde er als Deutscher. Seine Familie emigrierte in den frühen 30-er Jahren in die USA, weil sie unter den Nationalsozialisten keine Zukunft sah. Gerber kämpfte nicht nur in der US-Army, er war wegen seiner Deutschkenntnisse auch beim Militärgeheimdienst. Nun aber, es ist das Jahr 1953 und der Kalte Krieg im vollen Gang, bekommt er innerhalb von Stunden einen deutschen Pass und einen neuen Job beim noch jungen Bundeskriminalamt in Bonn. Offiziell soll er die Nachfolge eines bei einem Unfall getöteten Kollegen antreten. Inoffiziell soll er herausfinden, woran dieser Kollege gearbeitet hatte. Denn auch der hatte für den Militärgeheimdienst gearbeitet.... Gerber stößt bei seinen neuen Kollegen auf Misstrauen - zum einen, weil sein prompter Wechsel zum BKA als Protektionismus gesehen wird, zum anderen, weil in den deutschen Sicherheitsbehörden längst noch alles nicht so demokratisch ist, wie behauptet wird. Im Gegenteil - unter seinen Kolle...

Surferparadies mit Schatten

 Die Romane von Lucy Clarke sind eine Mischung aus psychologischer Spannung, meist wunderschönen Schauplätzen und der Dynamik von Frauenfreundschaften - bis dann eben das scheinbare Paradies durch Tod und/oder Gewalt erschüttert wird und sich hinter mancher Fassade eine unangenehme Wahrheit offenbart. Das ist in ihrem neuen Buch "The Surf House" über eine Surfer Community an der marokkanischen Küste nicht anders: Model Bea bricht ein Foto-Shooting in Marrakesch ab und beschließt spontan, abzureisen. Sie will dieses Leben nicht mehr - was sie eigentlich will, weiß sie allerdings auch nicht. Als sie Opfer eines Raubüberfalls wird, kommt ihr Marnie zu Hilfe, die mit ihrem Freund ein Surfer-Hostel an der Küste betreibt. Der Zwischenfall endet mit einem in Notwehr getöteten Räuber, Bea hat weder Geld noch ihren Pass. Marnies Hostel ist zunächst Fluchtpunkt für ein paar Nächte, wird aber bei längerer Zeit zu dem Ort, an dem sich Bea neu orientiert, für Kost und Logis arbeitet, auf ...