Skip to main content

Ein Mädchen verschwindet - zum zweiten Mal

 Der neue Fall des Bostoner Privatdetektivs Patrick Kenzie ist zugleich einer, der ihn und seine Ehefrau Angela Gennaro in die Vergangenheit führt: Vor Jahren haben sie ein entführtes vierjähriges Mädchen nach monatelanger Suche wiedergefunden und zu seiner Mutter zurückgebracht. Nun ist das Mädchen wieder verschwunden, wie ihre Tante berichtet - im Gegensatz zu der drogen- und alkoholkranken Mutter, die so tut, als sei alles in Ordnung. Amanda, das entführte Mädchen von einst, ist inzwischen 16 Jahre alt, und je mehr Kenzie über ihr Leben herausfindet, desto mehr wachsen die Zweifel, ob er sich vor zwölf Jahren richtig entschieden hat. Mit "Moonlight Mile" hat Dennis Lehane abermals einen düsteren, stellenweise brutalen, aber immer spannenden Boston Noir-Krimi geschrieben.

Denn Amandas Mutter kann noch nicht einmal für sich selbst richtig sorgen, bei der Wahl ihrer Lebensgefährten hat sie zuverlässig ein schlechtes Händchen. Der aktuelle Lebensgefährte ist vorbestraft wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen. Das sind alles andere als gute Verhältnisse, in denen Amanda aufwächst. Trotz dieser Umstände scheint sich Amanda zu einem äußerst zielstrebigen Teenager entwickelt zu haben - sie hat bereits mit zehn Jahren dafür gesorgt, mit einem Stipendium auf eine Eliteschule gehen zu können erzielt Bestnoten und hat gute Chancen, in Harvard oder Yale zugelassen zu werden. Gleichzeitig scheint sie sich bestens mit Identitätsdiebstahl auszukennen. 

Dass auch Amandas einzige Freundin verschwunden ist, kann da doch kein Zufall sein? Doch während Patrick versucht, Hinweise auf Amanda zu finden, merkt er schnell, dass er mit seiner Suche in ein Wespennest gestochen hat. Russische Gangster bedrohen ihn und seine Familie und haben selbst größtes Interesse an Amanda. Wird er das Mädchen finden, ehe es zu spät ist - und welchen Preis muss er für seine Suche zahlen?

Zusammen mit Patrick lässt Lehane seine Leser*innen rätseln, wer hier die Fäden zusammenzieht,  was hinter Amandas Verschwinden steckt und ob es angesichts zunehmender Eskalation noch einen heilen Ausweg gibt. Vor allem Amanda gibt Rätsel auf - das Mädchen ist hochintelligent, wirkt aber emotional überhaupt nicht fassbar. Welche Rolle sie spielt und was ihre eigentlichen Ziele sind, erschließt sich erst in einem dramatischen Finale.

Dass es sich bei "Moonlight Mile" bereits um den sechsten Band über Kenzie/Gennaro handelt, war mir vorher nicht klar. Das Lesevergnügen wird aber nicht gemindert, wenn man wie ich die vorangegangenen Bände nicht kennt. Zugleich wirft Lehane einen scharfen Blick auf die amerikanische Gegenwart, corporate money und die Ungleichbehandlung von Arm und Reich. Auch mit diesem Buch überzeugt der Autor von "Mystic River".


Dennis Lehane, Moonlight Mile

Diogenes 2025

20 Euro

9783257300475


Comments

Popular posts from this blog

Das Herz der Dunkelheit schlägt auf der Ferieninsel

  Seit seine 16 Jahre alte Tochter Emme vor vier Jahren während eines Urlaubs mit zwei Freundinnen auf der Ferieninsel Mallorca verschwand, ist der ehemalige schwedische Polizist Tim Blank ein Besessener. Er hat die Arbeit aufgegeben, ist nach Mallorca gezogen, sucht nach seiner Tochter. Anders als die Ermittler will er nicht aufgeben und er will auch nicht loslassen. Die Suche des verzweifelten Vaters, der selbst immer tiefer in einem Strudel von Alkohol, Gewalt und Korruption versinkt hat Mons Kallentoft  bereits in seinem Roman "Verschollen in Palma" erzählt.  Nun ist "Das dunkle Herz von Palma" als Fortsetzung erschienen und es ist vielleicht sogar noch düsterer, auch wenn die Beziehung zu seiner Frau wieder stabiler, wenn auch keineswegs unkompliziert geworden ist. Denn die beiden haben eine kleine Tochter - doch es ist ein Familienleben auf Distanz. Tim hält Frau und Tochter auf Abstand, scheint es schon für mangelnde Loyalität gegenüber Emme zu empfinden, wen...

Ermittlungen in der kleinen Stadt am Rhein - Die Akte Adenauer

 Philipp Gerber ist Amerikaner - aber geboren wurde er als Deutscher. Seine Familie emigrierte in den frühen 30-er Jahren in die USA, weil sie unter den Nationalsozialisten keine Zukunft sah. Gerber kämpfte nicht nur in der US-Army, er war wegen seiner Deutschkenntnisse auch beim Militärgeheimdienst. Nun aber, es ist das Jahr 1953 und der Kalte Krieg im vollen Gang, bekommt er innerhalb von Stunden einen deutschen Pass und einen neuen Job beim noch jungen Bundeskriminalamt in Bonn. Offiziell soll er die Nachfolge eines bei einem Unfall getöteten Kollegen antreten. Inoffiziell soll er herausfinden, woran dieser Kollege gearbeitet hatte. Denn auch der hatte für den Militärgeheimdienst gearbeitet.... Gerber stößt bei seinen neuen Kollegen auf Misstrauen - zum einen, weil sein prompter Wechsel zum BKA als Protektionismus gesehen wird, zum anderen, weil in den deutschen Sicherheitsbehörden längst noch alles nicht so demokratisch ist, wie behauptet wird. Im Gegenteil - unter seinen Kolle...

Surferparadies mit Schatten

 Die Romane von Lucy Clarke sind eine Mischung aus psychologischer Spannung, meist wunderschönen Schauplätzen und der Dynamik von Frauenfreundschaften - bis dann eben das scheinbare Paradies durch Tod und/oder Gewalt erschüttert wird und sich hinter mancher Fassade eine unangenehme Wahrheit offenbart. Das ist in ihrem neuen Buch "The Surf House" über eine Surfer Community an der marokkanischen Küste nicht anders: Model Bea bricht ein Foto-Shooting in Marrakesch ab und beschließt spontan, abzureisen. Sie will dieses Leben nicht mehr - was sie eigentlich will, weiß sie allerdings auch nicht. Als sie Opfer eines Raubüberfalls wird, kommt ihr Marnie zu Hilfe, die mit ihrem Freund ein Surfer-Hostel an der Küste betreibt. Der Zwischenfall endet mit einem in Notwehr getöteten Räuber, Bea hat weder Geld noch ihren Pass. Marnies Hostel ist zunächst Fluchtpunkt für ein paar Nächte, wird aber bei längerer Zeit zu dem Ort, an dem sich Bea neu orientiert, für Kost und Logis arbeitet, auf ...