Lucy Clarke ist bekannt für ihre Psychothriller, die in der Regel mit verschiedenen Zeitperspektiven und an exotischen, schönen Orten spielen. Ihr nun wieder aufgelegter Debütroman "Sea Sisters" nimmt da schon einiges vorneweg. Allerdings geht es hier nocht um ein Verbrechen, sondern die komplizierte Beziehung zweier Schwestern, zwischen denen plötzlich keine Aussprache mehr möglich ist.
Die Rollen der Schwestern schienen von Kindheit an klar verteilt: Katie, die Ältere - vernünftig, verantwortungsbewusst, planvoll und vorausschauend. Die drei Jahre jüngere Mia die Wilde, Unberechenbare, Spontane, die sich nicht an feste Regeln halten will. Dennoch waren die beiden als Kinder sehr eng verbunden. Als Erwachsene hat sich etwas verschoben, gerade als die alleinerziehende Mutter der Schwestern an Krebs erkrankte und es Katie war, die Pflege und Sterben der Mutter alleine durchstehen musste, während Mia sich der Situation nicht stellen wollte oder konnte.
Doch dann kommt der Tag, an dem für Katie alles zusammenbricht mit einem Besuch der Polizei am späten Abend: Mia, die Monate zuvor mit ihrem Kindheitsfreund zu einer Weltreise aufgebrochen war, ist auf Bali beim Sturz von einer Klippe ums Leben gekommen. Die Polizei geht von Selbstmord aus. Katie ist nicht nur fassungslos über den Tod ihrer Schwester, sie hat Schuldgefühle, weil das letzte Telefongespräch mit Mia in einem heftigen Streit endete. Nun kann nichts mehr gesagt und ausgeräumt werden.
Als Katie Mias persönliche Gegenstände erhält und in ihrem Rucksack ein Tagebuch entdeckt, kommt ihr die Idee für eine letzte Annäherung an die tote Schwester: Sie wird Mias Route folgen, mit dem Tagebuch, auf der Suche nach Erklärungen, wie es zu Mias Tod kommen konnte. Katie kündigt ihren Job, legt die Hochzeitspläne mit ihrem Verlobten auf Eis und zieht mit Mias Rucksack los.
Katies Reise ist ein Stück weit Selbstüberwindung - in Hostels übernachten, mit dem Rucksack ohne feste Pläne losziehen, das hat sie im Gegensatz zu ihrer Schwester nicht getan. Auf einer anderen Zeitperspektive können die Leser*innen Mias Reise folgen, noch vor Katie erfahren, was sie angetrieben hat und warum sie entgegen der Planungen auf Bali endete.
Wie auch in ihren Thrillern liegt Clarkes Schwerpunkt beim Blick in die Psyche ihrer Protagonistinnen, die ebenso komplizierte wie enge Schwesternbeziehung mit Andeutungen, was zum Bruch geführt haben mag. Und natürlich gibt es Einsichten, die dem Plot einen ganz neuen Dreh geben, der hier natürlich nicht gespoilert werden soll. Wer Lucy Clarkes spätere Bücher kennt, wird überrascht sein von "Sea sisters", zugleich aber die Art der Autorin wiedererkennen. Gleichzeitig zeigt sie viel Empathie für die ganz besondere Beziehung zwischen Schwestern.
Lucy Clarke, Sea Sisters,
dtv 2026
368 S. 13 Euro
9783423221740
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