Skip to main content

Kriminelles Syndikat in der Weimarer Republik

 Historische Kriminalromane aus dem Berlin der 1920-er und frühen 30-er Jahre trenden - nicht zuletzt dank der TV-Serie Babylon Berlin. In dieser Zeit spielt auch "Blutiger Schnee" von Michael Jensen, in dem es um eine Berliner Familie und ihr kriminelles Syndikat gilt. Manches, was Leser der Gideon Rath-Reihe kennen, taucht wieder auf - die Ringvereine etwa, historische Figuren wie der Kommissar Gennat und natürlich das politische Klima einer zerrissenen Zeit.

Familie Sass will im Opiumhandel mitmischen, mit chinesischen Kontaktleuten wird eine Handelsroute aufgebaut, doch die Aktion droht zum Verlustgeschäft zu werden, da die Schmuggeltransporte immer wieder überfallen werden. Amerikanische Gangster sind aufmerksam geworden auf das, was sich an der Spree so tut und wollen mitmischen beziehungsweise das Geschäft mit Opium und Heroin in die Staaten holen. Und Dutch Schultzund die Vertreter der kosher nostra haben ganz andere Methoden, als sie der Sass-Clan im vergleichsweise zahmen Berlin gewohnt ist...

Die Sass-Familie gab es laut Verlagsinfo tatsächlich, hier werden also Fiktion und reale Figuren verwoben. Ich hatte beim Lesen allerdings zwei Probleme: Zum einen ist "Blutiger Schnee" der dritte Teil einer Triologie, und es wird immer wieder Bezug genommen auf Personen und Ereignisse der vorangegangenen Bände. Der eigentliche Plot funktioniert zwar auch als Standalone, aber ich hatte doch das Gefühl, dass mir zwischen den Zeilen ziemlich viel entging und sich auch die Figuren nicht so voll erschlossen wie für diejenigen mit Vorkenntnissen.

Zum zweiten gibt es bei diesem Genre und der Verortung der Handlung den direkten Vergleich mit Volker Kutschers Rath-Serie - und die gefältt mir sowohl von der Schreibweise als auch der Komplexität besser. Möglicherweise ein unfairer Vergleich, da die Protagonisten in acht Bänden an Raum gewinnen konnten und es sich hier um einen dritten Band handelte. Allerdings hatten auch die frühen Raths meiner Meinung nach mehr Tiefe als "Blutiger Schnee".

Insofern ein solider Krimi aus interessanter Zeit, der mich aber nicht hundertprozentig begeistern konnte.

Michael Jensen, Blutiger Schnee

Aufbau Verlage, 2022

448 Seiten, 13 Euro

978-3-7466-3991-8

Comments

Popular posts from this blog

Das Herz der Dunkelheit schlägt auf der Ferieninsel

  Seit seine 16 Jahre alte Tochter Emme vor vier Jahren während eines Urlaubs mit zwei Freundinnen auf der Ferieninsel Mallorca verschwand, ist der ehemalige schwedische Polizist Tim Blank ein Besessener. Er hat die Arbeit aufgegeben, ist nach Mallorca gezogen, sucht nach seiner Tochter. Anders als die Ermittler will er nicht aufgeben und er will auch nicht loslassen. Die Suche des verzweifelten Vaters, der selbst immer tiefer in einem Strudel von Alkohol, Gewalt und Korruption versinkt hat Mons Kallentoft  bereits in seinem Roman "Verschollen in Palma" erzählt.  Nun ist "Das dunkle Herz von Palma" als Fortsetzung erschienen und es ist vielleicht sogar noch düsterer, auch wenn die Beziehung zu seiner Frau wieder stabiler, wenn auch keineswegs unkompliziert geworden ist. Denn die beiden haben eine kleine Tochter - doch es ist ein Familienleben auf Distanz. Tim hält Frau und Tochter auf Abstand, scheint es schon für mangelnde Loyalität gegenüber Emme zu empfinden, wen...

Ermittlungen in der kleinen Stadt am Rhein - Die Akte Adenauer

 Philipp Gerber ist Amerikaner - aber geboren wurde er als Deutscher. Seine Familie emigrierte in den frühen 30-er Jahren in die USA, weil sie unter den Nationalsozialisten keine Zukunft sah. Gerber kämpfte nicht nur in der US-Army, er war wegen seiner Deutschkenntnisse auch beim Militärgeheimdienst. Nun aber, es ist das Jahr 1953 und der Kalte Krieg im vollen Gang, bekommt er innerhalb von Stunden einen deutschen Pass und einen neuen Job beim noch jungen Bundeskriminalamt in Bonn. Offiziell soll er die Nachfolge eines bei einem Unfall getöteten Kollegen antreten. Inoffiziell soll er herausfinden, woran dieser Kollege gearbeitet hatte. Denn auch der hatte für den Militärgeheimdienst gearbeitet.... Gerber stößt bei seinen neuen Kollegen auf Misstrauen - zum einen, weil sein prompter Wechsel zum BKA als Protektionismus gesehen wird, zum anderen, weil in den deutschen Sicherheitsbehörden längst noch alles nicht so demokratisch ist, wie behauptet wird. Im Gegenteil - unter seinen Kolle...

Queerfeindlicher Terror und psychologischer Tiefgang

 Der Anruf seines Kollegen und Arbeitspartners hätte für den finnischen Polizisten Henrik Oksmann zu gar keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können: Auf einen Nachtklub, der auch Treffpunkt der queeren Szene der Stadt Pori ist, ist ein Bombenanschlag verübt worden. Es gibt fünf Tote. Was Oksmann vor seinen Kollegen um jeden Preis verheimlichen will: Er war selbst in dem Klub, in Frauenkleidern, und er hat ihn offenbar nur kurz vor der Tat mit einem anderen Mann verlassen.  Mit dem Titel "Was wir verbergen" hat der finnische Autor Arttu Tuominen bereits das Leitmotiv gewählt. Unter der Oberfläche brodelt hier so manches Geheimnis, nicht nur Oksmanns Homosexualität. Fast alle Proagonisten haben etwas zu verbergen, sind gezeichnet von einer Vergangenheit voller Konflikte. Im Vorgängerband "Was wir verschweigen", war Oksmann noch ziemlich unsympathisch gezeichnet, ein Einzelgänger, dessen Verhalten an Zwangsstörungen erinnert und der seinem Kollegen Jari Paloviita, der...