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Queerfeindlicher Terror und psychologischer Tiefgang

 Der Anruf seines Kollegen und Arbeitspartners hätte für den finnischen Polizisten Henrik Oksmann zu gar keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können: Auf einen Nachtklub, der auch Treffpunkt der queeren Szene der Stadt Pori ist, ist ein Bombenanschlag verübt worden. Es gibt fünf Tote. Was Oksmann vor seinen Kollegen um jeden Preis verheimlichen will: Er war selbst in dem Klub, in Frauenkleidern, und er hat ihn offenbar nur kurz vor der Tat mit einem anderen Mann verlassen. 

Mit dem Titel "Was wir verbergen" hat der finnische Autor Arttu Tuominen bereits das Leitmotiv gewählt. Unter der Oberfläche brodelt hier so manches Geheimnis, nicht nur Oksmanns Homosexualität. Fast alle Proagonisten haben etwas zu verbergen, sind gezeichnet von einer Vergangenheit voller Konflikte. Im Vorgängerband "Was wir verschweigen", war Oksmann noch ziemlich unsympathisch gezeichnet, ein Einzelgänger, dessen Verhalten an Zwangsstörungen erinnert und der seinem Kollegen Jari Paloviita, der damals im Mittelpunkt des Plots stand, das Leben ziemlich schwer machte.

Eine Videobotschaft macht schnell klar: Der Täter ist ein Fanatiker, und er hat wohl gerade erst angefangen, wirbt in sozialen Medien um Mitstreiter. Als ein Trauermarsch für die Opfer des Anschlags in Gewalt durch Rechtsextremisten eskaliert, wird klar, dass die Situation schnell außer Kontrolle geraten kann. Ein charismatischer Pfarrer, der bereits in der Vergangenheit homosexuelle Paare getraut hat, erregt mit seinem couragierten Verhalten die Aufmerksamkeit des "Gesandten" wie sich der Täter nennt, der offenbar aus einem religiösen Wahn heraus handelt. 

Angesichts der Dimension des Verbrechens werden Experten aus der Hauptstadt hinzugezogen, um die Ermittlungen zu leiten. Als ein Vater und sein zehnjähriger Sohn spurlos verschwinden, weigern sich diese Experten, einen möglichen Zusammenhang mit dem "Gesandten" zu sehen. Erst nach einem weiteren grausamen Mord und einer erneuten Analyse des Tätervideos fällt Oksmann ein wichtiges Teil des Ermittlungs-Puzzles auf. Doch die Zeit droht den Ermittlern davon zu laufen.

Tuominen hat mit "Was wir verbergen" einen Krimi mit psychologischem Tiefgang und aktuellen Bezügen geschrieben. Seine Charaktere mögen spröde sein und nicht immer liebenswert, mitunter ein wenig seltsam, doch vor allem sind sie mit ihren Schwächen und inneren Dämonen zutiefst menschlich. Der Leser weiß schon bald mehr als die Ermittler, doch das facht die Spannung eher an als sie zu dämpfen. 

Zugleich mach Tuominen deutlich, wie sehr Verletzungen und Traumata in der Kindheit einen Menschen auf seinem späteren Lebensweg prägen können - auch wenn sie nicht unbedingt darüber zu bestimmen haben, ob der spätere Weg zum Guten oder zum Bösen verläuft. Nach diesem spannenden Psychokrimi bin ich gespannt auf den nächsten Band der auf sechs Bände angelegten Reihe. In jedem Buch soll wohö ein anderer der Pori-Ermittlerinnen und Ermittler im Mittelpunkt stehen. Doch auch die Weiterentwicklung derjenigen, die wir schon "kennen" dürfte interessant bleiben.


Arttu Tuominen, Was wir verbergen

Lübbe 2022

366 Seiten, 16,99

978-3-7857-2811-6

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