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Der tote Barbier von Hannover

 Mit "Wehe, du irrst dich" hat Susanne Mischke ihren 14. Hannover Krimi geschrieben. Ich kannte die Reihe um den Kommissar Bodo Völxen und sein Team bisher nicht und fragte mich daher, ob ich denn in eine so weit fortgeschrittene Reihe einsteigen kann. Aber jeder Band ist offenbar in sich abgeschlossen und in das Zusammenspiel der Protagonisten kommt man schnell rein.

Für eine wie mich, die die Schulzeit in Hannover verbracht hat, war es ein bißchen Deja vu - zum einen kannte ich die Orte der Handlung, zum anderen - schon der Name Bodo Völxen ist so ur-niedersächsisch und auch der ganze Typ mit seinen festgefügten Ansichten, dem Unbehagen vor zu viel Nähe, als der junge ostfriesische Kollege sein Tiny house ausgerechnet beim Grundstücksnachbarn  aufschlägt. Sturmfest und erdverwachsen, wie es im Niedersachsenlied heißt. 

Der spröde Charme des Nordens, an den man sich als Zugereister insbesondere weiter aus dem Süden erst mal gewöhnen muss, schlägt beim Lesen aus den Buchseiten entgegen. Wobei das Setting des eigentlichen Falls in einem Barbershop zwischen Altstadt, Landtag und Rotlicht auch im Frankfurter Bahnhofsviertel nicht fremd wirken würde. Nur dass dann eben Bankentürme statt Landtag in der unmittelbaren Nachbarschaft zu finden sind....

Völxen und sein Team müssen den Fall der ermordeten Barbiers Moussa aufklären, dem mit dem eigenen Rasiermesser die Halsschlagader durchtrennt wurde. Völxens Mitarbeiter Erwin Raukel fühlt sich persönlichg betroffen, er war nämlich Stammgast in dem Barbershop. 

Je mehr die Ermittler sich das private und berufliche Leben des Mordopfers ansehen, desto mehr Anhaltspunkte in viele Richtungen finden sie: Die Witwe wirkt irgendwie nicht allzu traurig, ihre Eltern konnten den Schwiegersohn aus Neukölln nie besonders leiden, dessen Angehörige wiederum nahmen ihm den Umzug nach Hannover übel. Im Hinterzimmer treibt eine zwielichtige afrikanische Hellseherin merkwürdige Machenschaften, die zudem Verbindungen zu Zwangsprostitution westafrikanischer Frauen zu haben scheint.

Mit niedersächsisch-trockenem Humor und ironischer Distanz führt Mischke ihre Ermittler durch den Fall, in dem auch einiges aufgeklärt wird, was mit dem eigentlichen Mordfall gar nicht zu tun hat. Auch einige Vorurteile und Stereotypen werden gegen den Strich gerubbelt. Wer Hannover kennt, wird viele vertraute Orte finden. Für mich ist nach dem Lesen dieses soliden Polizeikrimis mit lebensnahen Figuren jedenfalls klar, dass ich mich nun nach den Vorgängerbänden umsehen will.


Susanne Mischke, Wehe, du irrst dich

Piper 2025

336 Seiten, 17 Euro

978-3-492-06514-6


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