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Kreuthners Privatfehde und die Leiche im Wald

  Die eher unorthodoxen Ermittler des Polizeireviers Miesbach am Tegernsee waren mir lange unbekannt geblieben, aber als ich vor zwei Jahren erstmals auf Andreas Föhr und seine Romanbesatzung um Kommissar Clemens Wallner und den Leonhardt Kreuthner stieß, war mir klar: Davon will ich mehr lesen. Einiges habe ich mittlerweile nachgeholt und als der neue Band "Totholz" erschien, war ich natürlich sofort interessiert.

Wenn ich von unorthodoxen Methoden schreibe, ist vor allem Leo Kreuthner gemeint, der als Jugendlicher von einer Karriere als Autoknacker träumte und auch heute seine besten Freunde im mehr oder weniger kriminellen Milieu hat. Abgesehen von Manfred Wallner, dem 94 Jahre alten Großvater der Kommissars, der vielleicht einen Rollator braucht, aber es an Unternehmungslust mit Jahrzehnte Jüngeren aufnehmen kann. 

Mit den nicht ganz so legalen Aktivitäten Kreuthners als Schwarzbrenner beginnt auch "Totholz" - denn mit Pippa Trautmann hat sich plötzlich Konkurrenz breitgemacht. Eine Anzeige erübrigt sich aus naheliegenden Gründen, also schreitet Kreuthner zur Selbstjustiz, wobei eine Kanone aus dem 19. Jahrhundert und Manfred Wallner zu einem Auftakt mit Knalleffekt beitragen.

Tatsächlich landet Pippa dank der Bemühungen Kreuthners in Untersuchungshaft und schlägt einen Deal vor: Wenn sie auf freien Fuß gesetzt wird, will sie der Polizei den Ort zeigen, wo ein Jahr zuvor Unbekannte einen Mann im Wald vergruben. Denn da könne es ja wohl nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

Als tatsächlich ein Toter gefunden wird, hat die Miesbacher Kripo alle Hände voll zu tun - wer ist der Mann, wer hat Interesse an seinem Tod, und was hat das alles mit den 200 000 Euro zu tun, an denen eine Reihe von Menschen Interesse hat? Nahe der Grabstelle gibt es zwei abgelegene Höfe, deren Bewohner sich im Gespräch mit der Polizei eher verschlossen zeigen. Dank Rückblenden ahnt der Leser früher als die Polizei: Hier hat fast jeder etwas zu verbergen.

Einmal mehr geht es in Miesbach drunter und drüber. Der sensible Wallner, dem immer kalt ist, macht sich Sorgen über falschen Umgang, den Opa Manfred pflegen könnte und der dem alten Mann gefährlich werden könnte. Tatsächlich ist Manfred Wallner kaum zu bremsen, als Kreuthner und seine kleinkriminellen Freunde gewissermaßen in Konkurrenz zur Polizei eigene Ermittlungen führen. Denn plötzlich ist Pippa verschwunden und angesichts der Vorgeschichte muss ja nicht alles über die offiziellen Dienstkanäle laufen...

"Totholz" sorgt sowohl für Spannung als auch für Unterhaltung angesichts der kauzigen Charaktere. Bleibt die Frage: Braucht Wallner auf ewig seine Daunenjacke, oder hält ihn endlich mal jemand warm?

Andreas Föhr, Totholz

Droemer Knaur 2024

384 Seiten, 16,90

9783426226681

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