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Showing posts from 2025

Cold Case in Christiania

  In ihrem Roman "Schwelbrand" lässt Katrine Engberg ihre Kopenhagener Privatdetektivin Liv Jensen ihren persönlichsten Fall erleben.  Jensens neuester Klient, ein ehemaliger Rechtsanwalt, wird ermordet - und sie findet heraus, dass er ein alter Bekannter ihres geliebten Großvaters war. Hat der Jahrzehnte zurückliegende Tod des drogensüchtigen Sohnes des damaligen Generalstaatsanwalts in der Freistadt Christiana etwas mit dem Mord zu tun?  Denn damals lebte der Anwalt in Christiana, gehörte dem sogenannten Rat an, der eine Art interne Rechtsprechung übte. Ihr Großvater, dem sie später in den Polizeiberuf folgte, ermittelte in der Angelegenheit - und die Witwe seines damaligen Partners macht Andeutungen, die den Ruf des Großvaters trüben könnten. Zudem ahnt Jensen, dass in ihrer Kindheit etwas in Christiana geschehen sein könnte, als sie dort einige Tage mit ihrem Opa verbrachte. Etwas Belastendes, das sie verdrängte - doch allein beim Gedanken an Christiana fühlt sie sich...

Hausfrau im Zentrum einer tödlichen Verschwörung

 Ich kenne und schätze Mick Herron als Autor der Geheimdienstserie um die "Slow Horses" des MI5. Da war ich natürlich neugierig auf seine Reihe um die Privatdetektivin Zoe Boehm und wurde nicht enttäuscht: Auch hier findet sich die unwiderstehliche Mischung aus Spannung, Geheimnissen und einer ordentlichen Prise britischen Humors, dazu Protagonisten, die eher unfreiwillig in Verschwörungen und finstere Machenschaften stolpern. Zoe Boehm ist allerdings - bis jetzt - eine Nebenfigur, die erst spät in der Handlung Profil entwickelt. Vor allem geht es um die Hausfrau Sarah, die weder beruflich noch privat gerade viel Freude an ihrem Leben hat. Ehemann Mark ist in der Finanzwelt tätig und verlässt sich darauf, dass sie ihm den Rücken freihält, ohne sie umgekehrt in ihren fast schon vergessenen Ambitionen zu unterstützen. Nun soll sie auch noch als Gastgeberin eines Dinners für einen wichtigen Kunden brillieren, den sie schon sehr schnell nervig und abscheulich findet. Dann allerdi...

Neue Fälle für Robert Kett

 In drei Büchern hat Alex Smith seinen Detective Inspector Robert Kett nach seiner entführten Frau Billie suchen und das Leben als alleinerziehender Vater dreier ausgesprochen lebhafter Töchter meistern lassen. In "Die Stimmen, die die dich rufen" ist die Familie wiedervereint, doch die äußeren und inneren Narben bei allen Beteiligten müssen noch verheilen.  Kett ist vom Dienst suspendiert, er fragt sich, ob seine Frau nach dem Erlebten ihm jemals wieder voll vertrauen wird, doch immerhin: sie lebt. Der geplante Urlaub der Familie im Wohnwagen des raubeinigen aber väterlichen DCI Clare soll die Familie wieder näher zusammenbringen, hofft Klett. Doch natürlich kommt alles mal wieder ganz anders, denn mehrere vermisste Teenager sorgen für Aufregung in der Wohnwagensiedlung. Schnell wird klar: Die Jugendlichen, die eine Clique bildeten, sind nicht ausgerissen. Sie wurden mit Hilfe eines Kassettenrekorders aus ihrem Zuhause gelockt. Der mutmaßliche Entführer wird gefunden - doch ...

Vermisstenfall in der Banja

  Mit seinem historischen Kriminalroman "Samson und das Galizische Bad" lässt der ukrainische Autor Andrej Kurkow nunmehr zum dritten Mal den jungen Kriminalinspektor Samson in der frühen Sowjetunion ermitteln. Noch befindet sich vieles im Umbruch - doch schon ist der aufkommende Stalinismus und die eiserne Faust der Tscheka zu spüren, die Politisierung der Ermittlungen wie des ganzen noch teils revolutionären Alltags. Daher ist auch dieser Roman einmal mehr viel mehr als ein Krimi, auch wenn Samson das Rätsel um  eine Gruppe von Rotarmisten lösen muss, die nach dem Besuch eines öffentlichen Bads spurlos verschwunden sind. Nur ihre Uniformen sind geblieben. Handelt es sich um Deserteure, oder waren in dem Bad finstere Machenschaften zugange? Samson stößt auf Spekulantentum und Räubereien, muss sich um einen Kollegen und seine junge Ehe sorgen, und dann ist da noch die befürchtete Interessen- und Ermittlungskollision durch Überschneidungen mit einem Fall der Tschekisten. Kurko...

Das Grauen in der Eigenheimsiedlung

 "Welcome Home" von Arno Strobel ist laut Verlagsangaben ein Psychothriller. Dem würde ich nicht ganz zustimmen, denn für mich enthält ein Psychothriller das eher leise Grauen, psychologische Spannung, die sich zunächst eher in den kleinen Veränderungen, Gesten und Geschehnissen äußert. Im Fall der Kleinfamilie von Ines und Marco Winkler, die mit der kleinen Tochter Emilia und dem Familienhund in eine Eigenheimsiedlung im Spessart ziehen, klein und familiär, ganz anders als in der bisher gewohnten Großstadt, ist das ganz anders. Denn es dauert nicht lange bis zur ersten und eher grausam zugerichteten Leiche, der andere folgen werden. Die Idylle mit den überwiegend netten und herzlichen Nachbarn steht schon bald unheimlichen Geschehnissen und Gewalt gegenüber. In der Siedlung bricht Panik aus. Spätestens als dann auch noch Emilia verschwindet, will Marco Winkler herausfinden, wer hinter dem Schrecken steckt. Strobel scheint, wenn ich Rezensionen in Buchcommunities sehe, eine t...

Codes und Kryptovermögen

  Andere Senioren mögen Kreuzworträtsel lösen und Gedächtnistraining machen - das Quartett des Donnerstagsmordclub betätigt sich statt dessen als Codeknacker in Richard Osman´s "Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code." Von Ruhestand kann bei den mittlerweile immerhin über 80-Jährigen trotz scheinbar beschaulicher Seniorenresidenz wirklich keine Rede sein. Dabei hatte ich schon befürchtet, der vierte Band könnte so eine Art Schwanengesang sein. Doch weit gefehlt - auch wenn das Alter und seine Einschränkungen durchaus zu Einschränkungen führen und der Gedanke an die eigene Endlichkeit nie ganz weg - Joyce, Elisabeth, Ibrahim und Ron stellen sich auch weiter den Herausforderungen.  Im Fall von Joyce: Die Hochzeit ihrer Tochter. Endlich! Und sogar mit einem ausnehmend sympathischen Schwiegersohn! Im Fall von Ron: Seinen Schwiegersohn hat er ja noch nie sonderlich gemocht. Aber dass die Ehe seiner Tochter mit einem koksenden Kriminellen von Gewalt geprägt ist, das hat er ...

Wenn Oma und Enkelin ermitteln

 Rosemary MacLaine, 76 Jahre alt, hat einen eher herben Charme. Gefühle ausdrücken, das ist nicht so ihr Ding, dazu ist sie zu sehr eine alte Yankee-Dame. Dafür kann sie mit einem Schneemobil umgehen - praktisch, wenn man auf einer Insel in den Großen Seen lebt, wo eisige Winter garantiert sind. Das eher zurückgezogene Rentnerdasein wird jäh gestört, als eine Nachbarin zur Party ins feudale Herrenhaus einlädt - mit dem Hinweis, dass Rosie besser kommt. Andernfalls werde ihr gut gehütetes Geheimnis ans Licht kommen. Soweit die Ausgangslage von "Die Einladung. Mord nur für geladene Gäste" von Kelly Mullen. Rosemary weiß - vor dieser Einladung kann sie sich nicht drücken. Sie kommt allerdings mit Rückendeckung in Form ihrer Enkelin Addie, als Spieleerfinderin rätselerprobt. Eine wichtige Eigenschaft, wie sich schon bald zeigen wird. Denn die etwas dahindümpelnde Party geht auf die Mitternachtsdrinks zu, als es dramatisch wird: Eine Leiche wurde gefunden - und dabei handelt es si...

Ermittlung in eigener (Mord)-Sache

 Die Grundidee des Plots von "Not quite dead yet" von Holly Jackson hat es in sich: Eine junge Frau klärt den Mord an sich selbst auf. Nein, es ist nicht eine Ermittlung aus dem Jenseits, wie es in einigen Krimis ja schon vorgekommen ist. Jet Mason, 27 Jahre alt, weiß, dass ihr nur noch sieben Tage bleiben. Ein Unbekannter hat mit einem Hammer dreimal auf ihren Schädel eingeschlagen.  Die Folge sind mehrfache Brüche - und die Neurologin kann Jet wenig Hoffnung machen: Ein Aneurysma wird sie letztlich umbringen. Jet ist eine Tote auf Abruf. Und die junge Frau, die immer glaubte, dass ihr noch so viel Zeit bleibt und eher planlos nach einem abgebrochenen Studium in ihr Elternhaus zurückgekehrt ist, möchte zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben etwas zu Ende bringen und ihren Mörder finden. Unterstützt wird Jet von ihrem Kindheitsfreund Billy, in dessen Wohnung sie einzieht, weil sie mit der eigenen Familie Stress hat. Zudem wird ihr immer klarer, dass auch in ihrer Familie m...

Cozy Crime aus Franken

  Evi Pflaum hat sich einen Herzenswunsch erfüllt. Nach Jahren in München ist die junge Staatsanwältin zurück in die fränkische Heimat gekehrt und verstärkt jetzt die Anklagebehörde in Bamberg, der Stadt mit den vielen Brauereien. Schaden genommen hat dabei allerdings ihre Beziehung - ihr Lebensgefährte, Anwalt in einer Wirtschaftskanzlei, der sich im Studium unsterblich in Evi verliebt hatte, findet die Liebe nun doch nicht wert, als Fernbeziehung am Leben gehalten zu werden. Jetzt ist Evi wieder ins alte Kinderzimmer auf dem Hof ihrer Eltern eingezogen und hofft, dass ihre hamsternde Mutter doch noch mal die Einliegerwohnnung frei räumt. Auch Evis neuer Job bietet keinen sanften Einstieg in Carina Heers Cozy-Krimi "Das Bierkomplott": Ihr Vorgesetzter ist krank, deshalb bekommt es Evi gleich in ihrer ersten Arbeitswoche mit einem Mordfall zu tun. Die im Separee eines Puffs gefundene Leiche einer Prostituierten ist bizarrerweise mit grünem Flaum überzogen und riecht nach Malz...

Wer lügt,.... stirbt?

 Mehr als ein Lügengebäude wird in dem Thriller "Eine falsche Lüge" von Sophie Stava errichtet, und so ziemlich jeder ihrer Protagonisten hat verborgene Motive und einige fragwürdige Charaktereigenschaften. Zum Beispiel die Lügerei, die Sloane längst zur Gewohnheit geworden ist. Schon als Kind, wenn ihre alleinerziehende Mutter und sie wegen Schulden mal wieder ganz schnell den Wohnort wechseln mussten, erfand sie vor ihren neuen Mitschülerinnen ein sehr viel glamouröseres Leben als Grund für den Umzug.  Ihre Orientierung an wohlhabenderen Vorbildern hat sie nicht nur den letzten Job gekostet, sondern sie auch in echte Schwierigkeiten gebracht. Dann lernt sie scheinbar zufällig den gutaussehenden und wohlhabenden Jay Lockhart und seine kleine Tochter in einem Park kennen. Sloane erfindet eine ganz neue Identität und schafft es tatsächlich, als Kindermädchen der Familie eingestellt zu werden. Jays Frau Violet ist es gar nicht unrecht, dass Sloane ihren Stil nachahmt, ihre Fris...

Idylle mit Untiefen

 Die Finnland-Krimis, die ich bisher kennengelernt habe, fallen entweder durch eine gewisse Kauzigkeit der Charaktere oder eine Noir-Stimmung auf. "Gerächt sein sollst du" von Kaisu Tuokko fällt in keine der beiden Kategorien, sondern versucht eine gewisse hyggelige Gefühligkeit einfließen zu lassen, die mich nicht wirklich überzeugt hat. Journalistin Eevi erfährt vom Fund einer Leiche und eilt zu den Klippen des idyllischen Küstenorts Kristinestad. Die Ermittlungen um den Tod des 17-jährigen Jonas leitet ausgerechnet ihr Jugendfreund und erste Liebe Mats, der in seinem alten Heimatort eigentlich nur ein paar Tage ausspannen sollte (bin mir nicht sicher, wie realistisch das sein soll, dass ein Polizist auf Urlaub mal eben die Ermittlungen übernimmt). Jonas was ein Eigenbrötler ohne echte Freunde, wurde gemobbt. War es Selbstmord? Seine Mutter schließt das aus. Dann tauchen schwere Vorwürfe gegen den Jugendlichen auf. Sowohl Eevi als auch Mats begeben sich auf Wahrheitssuche, ...

Claire und ihr Hammer

 Wenn Claire durch Menschen buchstäblich hindurchblicken kann und sie gewissermaßen als Geister wahrnimmt, hat das nichts Gutes zu bedeuten. Denn Claire, künstlerisch begabt und auch durchaus ambitioniert, hat mörderische Impulse und sieht keinerlei Sinn darin, sie nicht auszuleben. In Joanna Wallaces "My Life as a Serial Killer" hinterlässt sie eine Blutspur und blickt zurück auf eine mörderische Laufbahn, die im zarten Alter von sieben Jahren begann. Damals lernte sie den besonderen Nutzen eines Hammers kennen, ein Werkzeug, dass sie seitdem gerne bei sich führt. Ein Mensch hat Claire bedingungslos geliebt, einschließlich ihrer finsteren Seite - ihr vor kurzem verstorbener Vater, der in den letzten Jahren seines Lebens an präseniler Demenz litt. In dieser Lage macht Claire etwas, was eigentlich nicht ihrer Art entspricht: Sie schließt sich einer Trauergruppe an, kurz nach dem letzten Mord, wegen dem sie dummerweise erpresst wird - von einem weiteren Mitglied der Gruppe.  Ir...

Familienmelodram voller Geheimnisse

 Everybody lies. Das ist die Quintessenz des Psychothrillers "Der Abend mit den Eltern" von Emily Shiner. Der erfolgreiche, gutaussehende Herzchirurg Owen verbringt erstmals mit seiner neuen Freundin Gina ein gemeinsames Wochenende bei seinen Eltern. Doch dass Gina und Owen sich kennengelernt haben, war kein Zufall. Und sowohl Gina als auch Owens Eltern - die besitzergreifende Mutter Martha und der ein wenig zu freundliche Vater Scott - haben jeweils eine eigene Agenda und dunkle Geheimnisse. Abwechselnd aus der Perspektive Ginas und Marthas erzählt entfaltet sich das Wochenende als Melodram finsterer Absichten und gegenseitigen Belauerns. Für Martha ist keine Frau gut genug für Owen, doch das ist nicht der einzige Grund, warum sie Gina misstrauisch unter die Lupe nimmt. Gina wiederum ist auf der Suche nach Antworten auf ein traumatisches Erlebnis in ihrer Vergangenheit. Hat ihre Liebe da überhaupt eine Chance? "Der Abend mit den Eltern" folgt in gewissermaßen einem...

Geld statt Liebe?

  Geld oder Liebe, das ist gewissermaßen das Motto in Sue Hincenbergs Cozy-Krimi "Very bad widows", wobei: sehr weit her ist es ja nicht mehr mit der Liebe in den Ehen von Pam, Nancy und Shalisa. Die vierte Freundin im Bunde, Marlene, ist frisch verwitwet und seitdem unternehmungslustiger denn je. Zudem kann sie sich mit dem Geld aus der Lebensversicherung ihres Mannes einen Lebensabend im sonnigen Florida gönnen.  Beneidenswert, vor allem, da sich die Frauen seit einigen Jahren schwer einschränken müssen. Denn Pams Ehemann hatte sich bei einer Investition gründlich verspekuliert, und dabei auch die anderen drei befreundeten Paare, die seinem Finanzratschlag gefolgt waren, in die Geldknappheit gestoßen. Die Freundschaft hatte den finanziellen Niedergang überstanden, in den Ehen herrschte seitdem allerdings deutliche Abkühlung. Marlenes neues Leben führt das Ehefrauen-Trio auf unschöne Gedanken: Haben nicht auch die eigenen Gatten eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen? Un...

Spannender Abschluss der Detective Kett-Triologie

 Mit "Die Angst, die niemals endet" hat Alex Smith den Abschluss seiner Robert Kett-Triologie um einen Ermittler geschrieben, der die eigene Ehefrau sucht und dabei auch noch die Herausforderungen des Lebens als alleinerziehender Vater dreier lebhafter Töchter in einem nicht gerade familienfreundlichen Beruf meistern muss. Nachdem es in den ersten beiden Büchern vage Andeutungen auf den Mann gab, der hinter dem Verschwinden von Ketts Ehefrau steckt, gibt es nun eine erste Spur. Fünf Monate nach der Entführung findet sich eine DNA-Spur und das Telefon der Vermissten in einer Londoner Villa - aber auch Hinweise, dass in dem Haus Furchtbares passiert ist. Die Angst, mit der Kett seit fast einem halben Jahr lebt, dauert jedenfalls an, denn er kann nicht wissen, ob seine Frau lebt oder nicht. Der Autor gibt den Leser*innen einen Wissensvorsprung, ohne allerdings zu viel zu verraten. Denn der geheimnisvolle Pigman scheint den Ermittlern immer um eine Nasenlänge voraus zu sein. Wie ...

Deepfake als Weg zum Weltuntergang?

 Die Welt steht am Rande des Dritten Weltkriegs, alarmierende Nachrichten schüren Konflikte und wecken Aggressionen. Doch sind die Videobilder und Berichte wahr? Der Fall einer abgeschossenen Passagiermaschine, die angeblich von Terroristen gekapert und als Waffe in das Terminal des Münchner Flughafens gesteuert werden sollte, ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Aufnahmen aus dem Cockpit, die Fluglotsen, Luftaufsicht und Terrorabwehr überzeugten, waren ein Deepfake - und bei weitem nicht das einzige dieser Art.  In Peter Grandls Thriller "Reset" erlebt die Weltgemeinschaft Chaos. Alle digitalen Kanäle und Geräte scheinen infiziert von einem KI-Virus, der täuschend echte Fakes verbreitet. Selbst Videoanrufen kann nicht getraut werden. Ein internationales Team will sich von Interpol-Sitz in Lyon aus daran machen, das Problem zu lösen, während jeder Tag mehr Anarchie, Gewalt und Plünderungen, Zusammenbruch von Lieferketten und einen Stillstand der modernen Transportwege be...

George Smileys Rückkehr

  Dafür, dass Nick Harkaway 1972 geboren ist, kann er in die Welt des Kalten Krieges und der Geheimdienste sehr glaubwürdig eintauchen. Mehr noch: Sein Spionageroman "Smiley" überzeugt mit Kontinuität, sprachlich und stilistisch. Denn Smiley, das ist natürlich George Smiley, die wohl berühmteste Romanfigur von John Le Carré. Vielleicht liegt es daran, dass Harkaway gewissermaßen mit Smiley-Extrakten beim Frühstück und Mittagessen aufwuchs. Er ist der jüngste Sohn des berühmten Autors (beide benutzen ein Pseudonym) und sein Roman ist nicht nur eine Hommage an den berühmten, vor wenigen Jahren gestorbenen Vater, sondern auch eine literarische Rückkehr in die Welt des Eisernen Vorhangs, in der Smiley zu Hause war. "Smiley" spielt in den frühen 60-er Jahren, nach "Der Spion, der aus der Kälte kam" und "Dame, König, As, Spion", was für Leser*innen von Le Carrés Romanen einen besonderen Reiz ausmachen dürfte. Denn einerseits nimmt der Roman Bezug auf b...

Anwältin ermittelt in eigener Sache

 Ihr Beruf als Rechtsanwältin und Strafverteidigerin scheint der Frankfurter Juristin Carla Winter irgendwie vernachlässigenswert zu sein. In "Winter´s Game" von Lukas Erler ist Aktenstudium weniger gefragt als Action und eine gewisse Haudrauf-Mentalität mehr als juristische Analyse. Dass sie an einem Tag gleich zwei Angriffen entgeht - gut, das löst vermutlich bei jedem ein paar fight or flight-Reflexe aus.  In Erlers Buch ist Winter aber jederzeit gerne dabei, Mandantentermine verschieben zu lassen, auch die Arbeit an einem Plädoyer scheint sie eher zu langweilen - beim Lesen fragte ich mich wiederholt, warum der Autor seine Protagonistin zur Anwältin machte. Denn ihren Verstand schaltet sie bei manchen Konfrontationen auch mal aus, beziehungsweise geht Risiken ein, über die sie nicht gerade rational nachgedacht hat. Kennt man von Berufsjuristen normalerweise anders, auch und gerade, wenn Strafprozesse ihr Alltag sind. Jedenfalls empfinde ich die Protagonistin eher als leic...

Tödliches Paradies

 Krimis/Thriller an schönen und exotischen Schauplätzen scheinen gerade im Trend zu liegen. Vorzugsweise mit einem Schauplatz auf einer Insel, die bei Sturm dramaturgisch-praktisch von der Außenwelt abgeschlossen sein kann. Locked room mystery mit Strand eben. Auch "The Island - Auf der Flucht" von Nicola Martin reiht sich in dieses Genre ein. Protagonistin ist Hospitality-Spezialistin Lola, die als Ich-Erzählerin durch die Handlung führt. Lola hat in einem Hotel in Hongkong gearbeitet, doch nun muss sie die Stadt fluchtartig verlassen. Wie gut, dass Hotelkollegen international vernetzt sind. Und wie gut, dass ihr früherer Kollege Moxham einen passenden Job zu vergeben hat in einem Luxusresort auf der privaten Insel des Milliardärs Kip. Lola denkt nicht lange nach, den Luxus kann sie sich nicht leisten. Mit reichlich Jet lag findet sie sich an einem Traumstrand wieder. Doch das Paradies hat Tücken. Da ist zum einen das Gästeklientel - superreich, superprivilegiert, super anst...

Ein Mädchen verschwindet - zum zweiten Mal

 Der neue Fall des Bostoner Privatdetektivs Patrick Kenzie ist zugleich einer, der ihn und seine Ehefrau Angela Gennaro in die Vergangenheit führt: Vor Jahren haben sie ein entführtes vierjähriges Mädchen nach monatelanger Suche wiedergefunden und zu seiner Mutter zurückgebracht. Nun ist das Mädchen wieder verschwunden, wie ihre Tante berichtet - im Gegensatz zu der drogen- und alkoholkranken Mutter, die so tut, als sei alles in Ordnung. Amanda, das entführte Mädchen von einst, ist inzwischen 16 Jahre alt, und je mehr Kenzie über ihr Leben herausfindet, desto mehr wachsen die Zweifel, ob er sich vor zwölf Jahren richtig entschieden hat. Mit "Moonlight Mile" hat Dennis Lehane abermals einen düsteren, stellenweise brutalen, aber immer spannenden Boston Noir-Krimi geschrieben. Denn Amandas Mutter kann noch nicht einmal für sich selbst richtig sorgen, bei der Wahl ihrer Lebensgefährten hat sie zuverlässig ein schlechtes Händchen. Der aktuelle Lebensgefährte ist vorbestraft wegen ...

Churchills Geheimnisse am Gardasee

 Mit "Was am Ufer lauert" schickt Lenz Koppelstätter, bisher vor allem für seine Südtirol-Krimis bekannt, zum zweiten Mal die Polizeireporterin Gianna Pitti am Gardasee auf Ermittlungen. Hatte der erste Band der Reihe angesichts der Einführung mehrerer Handlungsträger noch einige Längen, geht es nun mehr zur Sache. Nachdem ihr totgeglaubter Vater, ein Investigativjournalist, wieder aufgetaucht ist, deutet alles auf eine Vater-Tochter-Kooperation hin. Doch das Treffen mit einem Informanten am Seeufer gerät anders als gedacht: Gianna findet eine tote Frau und eine leere CD-Hülle. Später ist die Leiche sogar verschwunden. Und auch sonst gibt es manche gefährliche Situation. Ist Gianna zunächst eher ahnungslos zu dem Treffen gestartet,  kommen nach und nach mehr Informationen: Es geht um möglicherweise brisante Informationen, die auch die britische Geschichte umschreiben könnten. Winston Churchill verbrachte in den 1920-er und 30-er Jahren immer wieder seinen Urlaub am Gardasee u...

Lügen, Leichen und Paranoia im Tauchparadies

 Thriller an exotischen Destinationen scheinen zur Zeit en vogue zu sein. Ein Beispiel dafür ist "Das Paradies" von Sara Ochs.  Aus wechselnden Erzählperspektiven erzählt sie, wie das vermeintliche Aussteigeridyll auf einer thailändischen Taucherinsel nach und nach zum Ort des Schreckens, von Geheimnissen und wechselseitigen Verdächtigungen wird. Die scheinbare Lässigkeit einer Aussteigerclique weicht da bald allgemeiner Paranoia. Eine der Protagonistinnen ist Tauchlehrerin Cass. Sie hat sich in Thailand gewissermaßen neu erfunden, nach einer traumatischen Erlebnis. Ihre Vergangenheit glaubt sie hinter sich gelassen zu haben, ihren alten Namen ebenfalls. Sie ist verlobt und glücklich. Doch dann stirbt einer ihrer Schüler bei einem Tauchgang - und Cass ahnt, dass es kein Unfall war. Als sie anonyme Botschaften erhält, fürchtet sie nicht nur, dass die Vergangenheit sie einholt, sondern dass sie in Gefahr ist. Die andere Protagonistin in Brooke, eine Influencerin, die sich bishe...

Ermittlungen mit dem Herzen einer Toten

 Der amerikanische Krimi-Autor Michael Connelly ist vor allem für seine Serien über den Polizei-Detective Harry Bosch und den "Lincoln Lawyer" Mickey Haller bekannt. Zu seinen kleineren Spin-offs gehört aber auch der FBI-Profiler Terry McCaleb, ein Experte für Serienmörder. In einem Fall der Bosch-Serie unterstützte er den Polizisten. "Das zweite Herz" ist dagegen ganz McCaleb gewidmet. Der Blick in die Abgründe psychopathischer Killer hat McCaleb wohl buchstäblich das Herz gebrochen: Dank der Transplantation eines Spenderorgans überlebte er. Doch sein Gesundheitszustand zwang ihn in den Vorruhestand. Mit Mitte 40 lebt McCaleb ein Rentnerleben im Yachthafen, in dem er das alte Boot seines Vaters wieder seefähig machen will. Da sein Brustbein nach der Operation am offenen Herzen noch nicht verheilt ist, darf er noch nicht einmal Auto fahren - sollte sich im Falle eines Unfalls der Airbag öffnen, hätte das für McCaleb nicht lebensrettende, sondern tödliche Folgen. Und...

Freundinnen mit Geheimnissen

 Kate, Camilla und Darcy sind Freundinnen - doch eigentlich wissen die drei Frauen nicht viel übereinander. Eine mehr als 20 Jahre zurückliegende Tragödie verbindet die drei Frauen, nun feiern sie mit einem gemeinsamen Urlaub in einem Luxusresort auf den Malediven Darcys Scheidung. Doch dann zeigt sich in Caro Carvers Urlaubsthriller "Bad Tourists", dass die Freundschaft des Trios nicht unbedingt auf Ehrlichkeit beruht und es Geheimnisse gibt, die bei Aufdeckung einen Abgrund verraten. Die traumhafte Szenerie verbreitet Urlaubsstimmung, doch das Inselparadies hat seine dunklen Seiten. Das gilt auch für die Flitterwöchner Rob und Jade. Sehr schnell wird den drei Freundinnen klar, dass Rob seine deutlich jüngere Frau misshandelt. Doch hat er auch mit dem traumatischen Erlebnis in ihrer Vergangenheit zu tun?  Kate war als Studentin die einzige Überlebende eines Massakers an sechs Menschen in einem Guesthouse. Zu den Toten gehörten Camillas Zwillingsbruder und Darcys Freund. Die ...

Rüstige Rentner auf der Spur des Hundemörders

 Es gibt mehr Dinge im Altersheim, als auf den Tod zu warten - jedenfalls für Yogalehrerin Katja, den Impresario Friedhelm und die übrigen Mitglieder einer leicht exzentrischen Seniorengruppe, die sich zusammengeschlossen hat, um "Hamlet" auf die Bühne ihres Seniorenheims zu bringen. Es ist eine recht unterschiedlich zusammengewürfelte Truppe, die in Ida Tannerts Cozy-Krimi "Crime im Heim" zusammenkommt: Die verwitwete Gräfin, die Hunde lieber mag als Menschen und nicht nur eine eindrucksvolle Waffensammlung mit ins Heim genommen hat, sondern auch weiß, wie man Schlösser knackt. Der Zahnarzt, der im Innern immer noch ein Rebell a la James Dean ist und eine Vorliebe für Heavy Metal hat. Der reimende Lehrer, der Vogelfreund mit empfindlichem Darm und Rollator, der sensible Ex-Bauer Hans, der spanische Lyrik liebt und der Anarchist, trotz Arthritis und Diabetes immer noch im  Herzen Revolutionär und als Neuzugang im Heim Auslöser einiger Ereignisse, die erst im Laufe d...

Undercover im Jugendamt

 Als Sachbuchautorin befasst sich Susanne Kaiser mit Mysogynie, Genderstereostypen, toxischer Männlichkeit, Sexismus und Feminismus. Da ist es kaum verwunderlich, dass auch in ihrem Debütroman Gewalt gegen - sehr junge - Frauen thematisiert wird. In "Riot Girl" schlagen die Mädchen, denn es geht um eine Bewegung von Teenagerinnen - zurück, organisieren sich über soziale Medien und die Vertaggung durch Influencerinnen, um flashmobs zu organisieren, die buchstäblich Wellen schlagen.  LKA-Forensikerin Obalski wird als verdeckte Ermittlerin ins Münchner Jugendamt eingeschleust, um Informationen über die Organisation der Influenzas und ihre Ziele zu ermitteln. Schon bald stellt sie fest - es scheint eine Untergruppe zu geben, die sich radikalisiert. Als nach einer konspirativen Party an der Isar eine Leiche auftaucht, stellt sich die Frage - greifen die Gruppenmitglieder auch zu Gewalt? Und was hat es mit dem runenförmigen Symbol zu tun, das bei mehreren Mädchen in den Arm geritzt...

Packende Triologie um alleinerziehenden Ermittler

 Die Buchbeschreibung von "Ein Schrei, den niemand hört" von Alex Smith machte schon einmal neugierig: Ausgerechnet ein auf Vermisstenfälle spezialisierter Ermittler ist nun selbst betroffen: Robert Kletts Frau ist entführt worden, er weiß nicht, ob sie überhaupt noch lebt. Trotz all seines Spezialwissens kann er seinen liebsten Menschen nicht finden. Als ob das allein nicht schon belastend genug wäre, ist er unversehens alleinerziehender Vater, der für seine drei kleinen Töchter im Alter von 18 Monaten, drei und sieben Jahren, alle mit höchst unterschiedlichem Temperament Normalität wahren muss. In Norfolk, einer neuen Umgebung, soll Klett eigentlich auf andere Gedanken kommen und sich auf seine Kinder konzentrieren. Doch das spurlose Verschwinden zweier Mädchen lässt die angedachte Auszeit scheitern. Klett bietet der örtlichen Polizei seine Zusammenarbeit und Expertise an. Der örtliche Kripochef, Typ Grantler, ist davon zunächst einmal gar nicht angetan. Zum einen, weil er ...

Miss Fortune und der schwarze SUV

 Nachdem ich im vergangenen Jahr eher zufällig auf den ersten Band der "Miss Fortune"-Reihe von Jana de Leon gestoßen bin, war mir klar, dass "Vollgas und Verbrechen" als einer der Folgebände ein Lese-Muss ist. Man muss die Vorgeschichte der schrägen Reihe aus einer Kleinstadt in Louisiana nicht kennen, um in die Handlung reinzukommen. CIA-Agentin Fortune musste abtauchen, solange ein von ihr enttarnter Waffenhändler weiter auf freiem Fuß ist und mit Auftragskillern nach ihr suchen lässt. Dass sie dazu die Rolle einer Ex-Schönheitskönigin und Bibliothekarin in einer Kleinstadt annehmen muss, in der die Zeit in den 1950-er Jahren stehen geblieben ist - damit haderte die toughe Agentin im ersten Band gewaltig. "Vollgas und Verbrechen" ist bereits Abenteuer Nummer zehn von Fortune und ihren Freundinnen Ida Belle und Gertie, die einerseits dem Klischee alter Südstaaten-Ladies entsprechen, andererseits aber eine abenteuerliche Vergangenheit und mancherlei gehei...

Frühlingsgefühle und tödlicher Hass

 Schnee und Eis zum Trotz macht sich der Frühling in Alaska bemerkbar - und zumindest Kate Shugaks Wolfshündin Mutt ist voller Frühlingsgefühle, während sie vor der Blockhütte von einem Timberwolf sehnsuchtsvoll umworben wird. Da Kate sich besseres vorstellen kann als einen Wurf quirliger Welpen, versucht sie, die tierische Romanze konsequent zu unterbinden. Wobei Kate, die toughe Teilzeitermittlerin im hohen Norden Alaskas, bei aller Bindungsscheu männlicher Aufmerksamkeit durchaus aufgeschlossen gegenübersteht.  In "Weit draußen in Alaska" von Dana Stabenow ist für Romantik allerdings wenig Raum, denn gleich zu Beginn des Arktis-Krimis kommt es zu einem Blutbad, als ein Amokläufer im Örtchen Niniltna auf Menschenjagd geht.  Über den Täter muss nicht lange gerätselt werden, seine Taten sind nur der dramatische Auftakt des Buches. Das eigentliche Rätsel, dem Kate im Auftrag der örtlichen Staatsanwalt nachgehen soll, ist der Tod einer jungen Frau, die zunächst ebenfalls al...

Ermittlungen im Olivenhain

 Es gibt schlechtere Arbeitsplätze als den von Enrico Rizzi: Rizzi ist Inselpolizist auf Capri und muss in "Grünes Gold" von Luca Ventura zusammen mit seiner Kollegin Antonia Cirillo zwischen Olivenhainen und der Seilbahnstation auf dem Monte Solaro ermitteln. Dienstlich mit der Vespa auf der Insel herumdüsen - es könnte wirklich schlimmer sein.  Der neue Fall der Inselpolizisten führt sie gleich auf den Berggipfel: Ein Sessellift-Kunde ist tot auf der Bergstation angekommen - und beim näheren Hinsehen stellt sich heraus, dass der Mann erschossen wurde. Bei einem Gewaltdelikt schaltet sich zwar die Kriminalpolizei in Neapel ein und Rizzi und Cirillo dürfen nur im Auftrag ermitteln, doch die beiden machen sich so ihre eigenen Gedanken und kommen dank ihres Insel-Know-Hows einigen Geheimnissen auf die Spur. Ich kannte die vorherigen Bücher des Autors nicht, was vielleicht ein Nachteil ist - weniger für den Plot, es handelt sich schließlich um eine abgeschlossene Handlung, als m...

Surferparadies mit Schatten

 Die Romane von Lucy Clarke sind eine Mischung aus psychologischer Spannung, meist wunderschönen Schauplätzen und der Dynamik von Frauenfreundschaften - bis dann eben das scheinbare Paradies durch Tod und/oder Gewalt erschüttert wird und sich hinter mancher Fassade eine unangenehme Wahrheit offenbart. Das ist in ihrem neuen Buch "The Surf House" über eine Surfer Community an der marokkanischen Küste nicht anders: Model Bea bricht ein Foto-Shooting in Marrakesch ab und beschließt spontan, abzureisen. Sie will dieses Leben nicht mehr - was sie eigentlich will, weiß sie allerdings auch nicht. Als sie Opfer eines Raubüberfalls wird, kommt ihr Marnie zu Hilfe, die mit ihrem Freund ein Surfer-Hostel an der Küste betreibt. Der Zwischenfall endet mit einem in Notwehr getöteten Räuber, Bea hat weder Geld noch ihren Pass. Marnies Hostel ist zunächst Fluchtpunkt für ein paar Nächte, wird aber bei längerer Zeit zu dem Ort, an dem sich Bea neu orientiert, für Kost und Logis arbeitet, auf ...

Die Leiche unterm Vogelnest

 Vogelbeobachter - auf neudeutsch birder - stehen ja wegen ihres Hobbys im Ruf, womöglich ein bißchen kauzig zu sein. In Anna Täubers Cozy-Krimi "Schräge Vögel" trifft das weitgehend zu. Altphilologin Katja ist zwar durchorganisiert und hat jederzeit ein passendes lateinisches Zitat parat, aber Sozialkompetenz gehört nicht zu ihren Stärken. Ist es da ein Wunder, dass ihre beste Freundin ein Huhn ist? Der grummelige Rentner Harald, einst Forensiker, hadert ganz generell mit der modernen Zeit und ist ein ziemlicher Messie.Sabine dagegen überfordert die  übrigen Birder in bayrischen Traunstein mitunter mit ihrer mütterlichen Art, obwohl sie mit einer pflegebedürftigen Mutter und einem pubertierenden Sohn schon ziemlich ausgelastet ist. Thilo, der jüngste im Bunde, ist unter die Birder gegangen, weil er hofft, so das Interesse einer klimabewegten jungen Frau zu gewinnen, in die er sich aus der Ferne verknallt hat.  Und dann ist da noch Frank, über den weder die anderen Birder...

Klaustrophobischer Thriller

 In seinem klaustrophobischen Thriller "Die Kammer" führt Will Dean seine Leser*innen buchstäblich in die Tiefe, nämlich in die Tauchkammer, in der sechs Sättigungstaucher auf engstem Raum arbeiten, tagelang am Meeresboden Wartungsarbeiten etwa für Ölbohranlagen ausführen. Es ist eine gefährliche Arbeit, in der sich die Taucher blind aufeinander verlassen können müssen. Für Ich-Erzählerin Ellen Brooke, die einzige Frau der Gruppe, ist es der Traumjob, auf den sie lange hingearbeitet hat. Dafür nimmt sie immer wieder die Trennung von der Familie auf sich, die beengten Verhältnisse in der Kammer ohne Privatsphäre, die tagelange Dekompression, wenn es nach dem Arbeitseinsatz wieder an die Oberfläche geht. Denn die Tür zur Taucherkammer plötzlich zu öffnen, ohne den Druckunterschied allmählich, im Schneckentempo, anzugleichen, würde fatale Folgen haben. Zudem befinden sich die Taucher unter Dauerbeobachtung: Eine Crew an Bord des Schiffes ist für ihr Wohlergehen, ja ihr Überleben...

Risse hinter scheinbar heiler Welt

 Bodo Völxen von der Kriminalpolizei Hannover hatte schon bessere Tage gesehen in Susanne Mischkes Hannover-Krimi "Alle sehen dich": Er muss auf seine beiden Lieblingskolleginnen verzichten - die eine wechselte nach ihrer Heimat mit einem Revierkollegen zum LKA, die andere zieht der Liebe wegen nach Südfrankreich. Statt dessen hat er Ärger mit seinem Kollegen Raukel, der aus missverstandener Ritterlichkeit eine Kneipenschlägerei anzettelte und erst mal suspendiert ist. Und dann ist da noch Charlotte Engelhorst, Garten- und livestylebloggerin, die sich verfolgt fühlt und die für Völxen mehr und mehr eine persönliche Heimsuchung ist. Dumm nur, dass seine Ehefrau ein Fan des Videoblogs ist. Die bunte und so gar nicht dröge Maschsee-Truppe hat dann allerdings mit zwei Todesfällen zu tun, die Engelhorst als Indiz ansieht, dass es jemand auf ihr Leben abgesehen hat: Der Tod ihres Ex-Mannes, der auf gerader Strecke frontal gegen einen Baum geprallt ist, und eine Ex-Schulfreundin, di...

Kanzleipleite und Fußballträume

 Eigentlich hatten die Düsseldorfer Rechtsanwälte Anton Pirlo und Sophie Mahler in den vergangenen reichlich schlagzeilenträchtige Mandanten und Prozesse, die den beiden Strafverteidigern ordentlich Aufmerksamkeit verschafften- Im vierten Band von Ingo Botts Justizkrimi-Serie steht Pirlos Kanzlei dennoch vor dem wirtschaftlichen Aus. Und die privaten Schwingungen zwischen den beiden Anwälten sind ungeklärter denn je. Kurz, die Stimmung ist aufgeladen in der Kanzlei am Düsseldorfer Karlsplatz. Da kommt Pirlos älterer Bruder Ahmid mit einer neuen Geschäftsidee - und sie ist, oh Wunder angesichts der Vergangenheit von Pirlos Bruder, sogar legal. Die beiden sollen ins Fußballgeschäft einsteigen, Spielermanagement und mit einem jungen Talent hat Ahmid sogar schon einen Spieler ausgeguckt. Der 16-jährige ist ein Riesentalent, hat mit einem Siegestor bei einem Lokalderby auf sich aufmerksam gemacht, neigt aber auch schon allein altersbedingt zu ein paar Dummheiten und zweifelhaften Kontak...

Gefährliche Geheimnisse um einen Ex-Präsidenten

 Ein polarisierender Ex-Präsident mit einem Geheimnis, das unbedingt gewahrt werden muss, ein Plot, der zurück zum Sturm auf das Kapitol zurückreicht, eine Medienfusion, die eine Qualitätszeitung womöglich inhaltlich unter den Einfluss eines globalen Medienkonzerns bringt: "Von Schafen und Wölfen" von Achim Zons klang nach einem Polit- und Medienthriller mit aktuellen Bezügen, auf den ich gleich nach der Lektüre des Klappentextes sehr gespannt war. Der "Deutschen Allgemeinen Zeitung", die irgendwie an die Süddeutsche erinnert, wird kurz vor der Fusion mit einem amerikanischen Medienkonzern eine brisante Information zugespielt: Der ehemalige US-Präsident soll an einem seltenen Gendefekt leiden, den er an mindestens zwei Nachkommen weitergegeben haben soll. Die entsprechende Akte ist seit dem Sturm auf das Kapitol verschwunden. Chefreporter David stößt im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod einer alten Freundin auf Ungereimtheiten und ein neues Rätsel: Wer hat die Le...

Mord im Outback-Express

 Mit den Regeln des Kriminalromans kennt sich Ernest Cunningham aus - als Romanautor hat er aber gegen eine ziemliche Schreibblockade anzukämpfen. Dabei rückt nicht nur die Deadline für sein Buch immer näher, er ist auch zu einem rollen Krimiautorenfestival an Bord eines Zuges quer durch das australische Outback eingeladen. In "Die mörderischen Cunninghams" musste Ernest eines Serienmörder während eines Familientreffens in einer eingeschneiten Berglodge entlarven. Und auch auf der Zugfahrt geht es wieder tödlich zu: "Jeder im Zug ist verdächtig" lautet der Titel des Folgebands von Benjamin Stevenson. Es geht einmal mehr turbulent zu - und Ernest ist nicht immer der Ermittler mit der schärfsten Spürnase. Leicht überfordert ist er auch, als es darum geht, seiner Freundin und Reisebegleiterin bei einem Stopp im Outback einen Heiratsantrag zu machen. Vermutlich war es nicht gerade geschickt, ihr vor der entscheidenden Frage damit zu konfrontieren, dass auch sie durchaus...

Neuer Fall für Richard und Valérie

  Das hätte sich Filmhistoriker Richard Ainsworth nicht träumen können, seit er seine akademische Karriere gegen den Betrieb einer kleinen Frühstückspension in Frankreich eingetauscht hat: Ein  Filmteam ist angerückt, um einen historischen Film in der Region zu drehen. Cineast Richard ist begeistert, doch auch zusammen mit seiner Detektiv-Partnerin Valérie hat er mit den Filmleuten zu tun. Am Set gab es nämlich einige merkwürdige Vorfälle, eine junge Schauspielerin, die zudem eine Art Patentochter Valéries ist, wird bedroht. Das ungleiche Team soll sich um den Schutz auf dem Filmset kümmern. Als Security-Chef hat Richard schon bald viel Arbeit. Erst stirbt ein Komparse, dann kommt ein Schauspieler ums Leben. An eine natürliche Todesursache will Richard nicht glauben, so sehr der Produzent um eines reibungslosen Filmdrehs willen auf reinen Zufall pocht. Zwischen exzentrischen Darstellern, die sich teilweise als echte Ekelpakete herausstellen, einer plötzlichen Funktion als Pres...

Tod einer Wahrsagerin

 "Das Mörderarchiv" von Kristen Perrin war ein charmanter Cozy-Krimi, in dem die bislang erfolglose Krimischriftstellerin Annie sich als Hobby-Detektivin  betätigen musste, um an das Erbe ihrer Großtante zu kommen und deren Mord aufzuklären. Nun gibt es einen Folgeband - "Der Tod, der am Dienstag kommt". Annie ist mittlerweile Bewohnerin des stattlichen Herrenhauses ihrer Großtante, aber ihr Kriminalroman ist immer noch nicht vorangekommen. Liegt es am allgemeinen Verdruss Annies, die sich in der malerischen Kleinstadt Castle Knoll eher ungeliebt und außen vor vorkommt? Nicht ganz unschuldig dürfte das Mörderarchiv der Tante sein, in dem es nicht nur um Mord ging, sondern die Geheimnisse der Einwohner akribisch aufgeführt wurden. So was sorgt natürlich nicht unbedingt für entspannte Beziehungen. Als die Wahrsagerin, die einst der Großtante ihre Ermordung voraussagte und damit überhaupt erst den Anstoß zum Mörderarchiv gab, tot in Annies Gewächshaus gefunden wird, is...

John Cardinals persönlichster Fall

 Es ist Herbst in Algonquin Bay, die vermutlich schönste Jahreszeit im kanadischen Osten mit der spektakulären Laubfärbung der Wälder. Doch John Cardinal, Polizist in der Kleinstadt am See, hat keinen Blick für die Schönheiten der Natur. Er muss in "Kanadische Nächte" von Giles Blunt einen schweren Schicksalsschlag verarbeiten. Seine manisch-depressive Frau, schön, talentiert und unglücklich, hat jahrelang gegen ihre Dämonen gekämpft. Nun ist sie tot - und Cardinal fällt es schwer, an Selbstmord zu glauben. Doch die Beweislage ist klar, einschließlich eines Abschiedsbriefes. Und in einer so persönlichen Angelegenheit darf Cardinal ohnehin nicht offiziell ermitteln - dass ihm die nötige professionelle Distanz fehlt, ist unstrittig. Doch hält sich Cardinal an diese Regeln? In seinem persönlichsten Fall braucht er die Wahrheit mehr denn je. Er riskiert im Zweifelsfall lieber seine Karriere, als die Suche einzustellen.  Viel darf hier nicht verraten werden, um nicht zu spoilern, ...

Familienfeier am Gletscherfeld

 Eva Björg Aegisdottir hat bisher drei Romane um die Ermittlerin Elma in Akranes geschrieben, die einen Hang hat, sich mit wenig durchdachten Alleingängen in Gefahr zu bringen. Auch ihr Buch "Verlassen" führt in die westisländische Region. Doch das Ermittlerteam von Akranes ist in diesem Fall eher eine Randnotiz. Man kann das Buch auch als Prequel zur Reihe verstehen. Stattdessen zeichnet Aegisdottir das Bild eines schwerreichen Familienclans, der sich in einem chicen Hotel am Gletscherfeld versammelt, um den Urahn und Gründer des Familienunternehmens zu feiern. Schnell zeigt sich: Geld allein macht nicht glücklich. Und es ist einiges dran an dem Spruch über Gründergenerationen und ihre Erben: Die ersten bauen auf, die zweiten mehren den Reichtum, aber die dritte Generation genießt den Luxus deutlich mehr als die Aussicht aufs Arbeiten. Das ist auch in dieser Familie teilweise der Fall.  Alte Konflikte und Eifersüchteleien brechen auf, zusätzlich befeuert von reichlich Alkoho...