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Showing posts from 2024

Alte Freundschaft, alte Lügen

 Mit ihrem Thriller "Das Wochenende" liefert Hannah Richell eine überzeugende Mischung: Eine Gruppe von Freunden, in der alles alles übereinander zu wissen scheinen, die düstere Landschaft Cornwalls, ein einsamer Campingplatz auf einer sturmumtosten Landzunge, ein verschwundenes Kind und sehr viel Suspense. Denn schnell stellt sich heraus, dass eine 20 Jahre alte Freundschaft auch die Grundlage vieler Lügen und Geheimnisse sein kann. Mal ganz abgesehen von der bekannten Tatsache, dass sich in dieser Zeit Lebensumstände und Persönlichkeiten gewaltig auseinanderentwickeln können. Ist die alte Freundschaft da tatsächlich noch so viel wert wie zu Uni-Zeiten? Denn die Unterschiede zwischen den vier Paaren sind mittlerweile beträchtlich:  Die Architekten Max und Annie, Adoptiveltern eines zwölfjährigen Sohnes mit allerlei emotionalem Gepäck aus einer Kindheit voller körperlicher und emotionaler Vernachlässigung, haben London den Rücken gekehrt und in Cornwall ein Glamping-Ökoresort...

Vermisstensuche in Alaska

 Mein Land, das ist der Winter, hat der frankokanadische Dichter Gilles Vigneault geschrieben. Alaska gehört zwar bekanntlich zu den USA  - aber mit kalten Wintern kennen sich die Menschen auch dort aus und "In der Kälte Alaskas" von Dana Stabenow lässt die Leer*innen schon beim Lesen frösteln, wenn die einstige staatsanwaltliche Ermittlerin Kate Shugak sich auf Bitten ihre einstigen Chefs sich auf die Suche nach einem seit Wochen vermissten Parkranger und einem ebenfalls seit zwei Wochen verschwundenen FBI-Ermittler  in einem entlegenen Parkgebiet macht. Kate hat sich buchstäblich in ein Blockhaus in der Wildnis verkrochen, nachdem ihr letzter Fall für sie beinahe tödlich geendet wäre. Es ist auch eine Rückkehr zu ihren Wurzeln - Kate gehört dem indigenen Volk der Aleuten an. Ihre Großmutter, zu der sie ein zwiespältiges Verhältnis hat, hat zwar keine Funktion im Stammesrat, doch ohne ihre Stimme wird eigentlich nichts entschieden. Zugleich ist Kate, die das Stammesgebie...

Undercover auf den Schären

 Der Titel "Still ist die Nacht" von Sandra Aslund mag - gerade zu dieser Jahreszeit - eher weihnachtlich klingen, doch weit gefehlt: In ihrem zweiten Fall ermittelt die Stockholmer Kriminalbeamtin Maya zur Mittsommerzeit auf einer kleinen Schäreninsel. Dabei war alles ganz anders geplant: Maya wollte an einem Yoga-Retreat ihrer Freundin Emely teilnehmen, um nach einer Woche tiefenentspannt zur Arneot zurückzukehren. Doch weit gefehlt: Nach einer lebhaften Mittsommernacht wird der Vermieter des Veranstaltungsortes ermordet aufgefunden. Es bleibt nicht die einzige Leiche. Maya überredet ihren Kollegen Per, dass sie gewissermaßen undercover ermittelt. Dann zieht ein Sturm auf - und Insulaner wie Yogis sind von der Außenwelt abgeschnitten. Mit der Gewissheit: Auch der Mörder oder die Mörderin ist unter ihnen. Misstrauen, Paranoia und heftige Gefühlsausbrüche scheinen da unvermeidlich. Eine hübsche kleine Schäreninsel gewissermaßen als locked room mystery, die Animositäten zwisch...

Im dunklen Wald

 Ein Haus inmitten einen dunklen, fast undurchdringlichen Waldes - das ist der Stoff, aus dem klassische Märchen und Horrorgeschichten sind. Was bei Hänsel und Gretel (oder Brad und Janet in der Rocky Horror Picture Show) funktionierte, setzt Triona Walsh auch als Setting in ihrem Thriller "Nachtwald" ein. Ich-Erzählerin Lizzie hat eine dunkle Phase ihres Lebens hinter sich, in der das Verhältnis zu ihrer Familie gelitten hat: Nach dem Tod ihres Vaters geriet sie in eine Abwärtsspirale von Drogen und Alkohol, verursachte einen schweren Unfall, bei dem ihr jüngerer Bruder verletzt wurde. Nach einem halben Jahr in einer Entzugsklinik ohne jeden Kontakt zu Mutter und Bruder gibt es ein Familientreffen der besonderen Art: Lizzie wird ein neuer Stiefvater namens George präsentiert, nach einer ganz kleinen Hochzeit steht nun die Feier mit der allerengsten Familie an: Das Hochzeitspaar, Lizzie und ihr Bruder, die Tochter aus Georges erster Ehe, die mit frisch angetrautem Überraschun...

Zwölf Schritte zum Leben ohne Morde

 Man nennt ihn das fahle Pferd, dessen Reiter in der biblischen Apokalypse der Tod ist. Mark, der Ich-Erzähler von "Assasssins Anonymous" von Rob Hart, hat in seinem Leben allerdings selbst reichlich für Tote gesorgt - sei es als Navy Seal, sei es als Auftragsmörder im Dienste einer Agentur,  die vor allem unliebsame Zeitgenossen ausschaltet, aber eben Whistleblower oder unliebsame Journalisten. Doch damit ist Schluss. Rob hat sich in New York einer kleinen Selbsthilfegruppe ehemaliger Auftragsmörder angeschlossen. Nach dem Vorbild des Zwölf-Schritte-Programms für Anonyme Alkoholiker und andere Suchtkranke wollen sie sich gemeinsam auf dem Weg in ein mordfreies Leben unterstützen. Das Problem: Es gibt genügend Menschen, die die geläuterten Killer tot sehen wollen. Vom Klappentext her hatte ich einen Kriminalroman mit schwarzem Humor erwartet. Tatsächlich reiht sich "Assassins Anonymous" mit seinen Gewalt- und Tötungsszenen eher in die Tradition der hard boiled  Krim...

Tödliches Krippenspiel

  Es weihnachtet sehr auf Sylt, doch während der Duft von Lebkuchen und Tannengrün in der Luft liegt, herrscht nicht nur Besinnlichkeit und Liebe zu allen Menschen. Statt dessen müssen in "Der Weihnachtsmordclub" von Ben Kryst Tomasson vier alte Damen einen Mord im Gemeindezerntrum der Pfarrei Archsum auf Sylt klären: Ausgerechnet bei den Proben für das Krippenspiel wurde die Leiterin der Jugendgruppe vom herabstürzenden Stern von Bethlehem erschlagen. Und auch sonst passiert so einiges, was mit Besinnlichkeit nichts zu tun hat. Der Buchtitel erinnert an den Donnerstagsmordclub, und auch hier sind die Ermittlerinnen schon über 80, sehr unterschiedliche Charaktere und kabbeln sich schon mal über ihre persönlichen Lebenseinstellungen: Landarztwitwe Witta, die so gerne auf Diva a la Marlene Dietrich macht, und die burschikose Klempnerwitwe Grethe sind einfach zu unterschiedlich. Da müssen dann die harmoniebedürftige Bäckerwitwe Alma und die pragmatische Kapitänswitwe Marijke sch...

Tödliche Therapie

 Es geht wieder tödlich zu in Klein Freudenstadt in der Uckermark, dem fiktiven Ruhesitz von Angela Merkel, oder, wie sie in David Safiers Cozy-Krimis besser bekannt ist: Miss Merkel. Im nunmehr vierten Band der Reihe hadert die Ex-Kanzlerin allerdings gewaltig mit dem Ruhestand - dabei kann sie vom Ampel-Aus zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts ahnen. Das Schreiben an ihrer Autobiographie hatte allerdings eine ernüchternde Wirkung: Fehler wurden gemacht, manches ist liegengeblieben, so manche Einschätzung erwies sich im Nachhinein als falsch, ja schädlich. Da hilft auch die bevorstehende Hochzeit der besten Freundin Marie mit Bodyguard Mike nichts gegen den Altkanzlerin-Blues. Die Lieblingsmenschen kriegen das Stimmungstief natürlich auch mit - und wissen eine Lösung: Psychologische Hilfe ist gefragt in "Mord in der Therapie".  Über die erste Sitzung Gruppentherapie kommt die Ex-Kanzlerin allerdings nicht hinaus. Das liegt nicht nur an negativen Schwingungen innerhalb der Gru...

Mordermittlung per Privatjet

  Wer die betagten Ermittler aus Richard Osmans "Donnerstagsmordklub" ins Leser-Herz geschlossen hat, wird auch die neue Reihe des britischen Autors mögen. Auch der Auftaktroman "Wir finden Mörder" ist ein warmherziger Cozy-Krimi, der unterhaltsam ist und eine ordentliche Prise britischen Humors enthält. In der neuen Reihe geht es um die toughe Personenschützerin Amy und ihren Schwiegervater, eigentlich zwei völlig unterschiedliche Charaktere, die sich aber herzlich zugetan sind. Amy braucht das Adrenalin ihres Jobs, sesshaft werden möchte sie noch lange nicht und das klassische Familienleben ist auch nicht ihr Ding. Da ihr Ehemann als Geschäftsmann um den Globus jettet, sehen die beiden sich zwar selten, die long distance-Beziehung funktioniert dennoch gut.  Schwiegervater Steve dagegen, ehemaliger Polizist, verwitwet und nun als Privatdetektiv auf einem englischen Dorf zuständig für das Finden verlorener Haustiere oder Ermittlungen kleiner Betrügereien, will noch ...

Tödliche Therapie

  Die Verbindung von Achtbarkeitsritualen und teils eher unbeabsichtigten, teils durchaus kalkulierten Leichen hat schon in der "Achtsam morden"-Reihe funktioniert und mit schwarzem Humor für gute Unterhaltung gesorgt. Als ich den Klappentext von "Mordscoach" von Lilly Pabst sah, war ich also sofort neugierig. Hier ist es Psychoanalytikerin und Achtsamkeits-Coach Sophie Stach selbst, die für eine zunehmende Zahl zu entsorgender Leichen in ihrem Leben sorgt. Es kann ja schon mal passieren, dass man in einer psychischen Ausnahmesituation überreagiert. So wie Sophie, als die zunächst nette junge Frau, die sie in ihrer Praxis aufsucht, mit der Nachricht herausrückt, dass sie die Geliebte von Sophies Ehemann ist. Da ist sie hin, die Illusion der funktionierenden Ehe in gegenseitigem Respekt und achtsamer Zuneigung. Das kann Sophie nicht so einfach wegatmen, denn die Rivalin ist plötzlich tot.   Mit der Entsorgung der Leiche ergibt sich schnell ein neues Problem, da ein P...

Mörderische Universität

 Das McMasters Konservatorium für Angewandte Künste ist eine Hochschule der etwas anderen Art. Es geht nicht etwa um Kompositionstheorie, Klaviertechnik oder den perfekten Ton, wie der Name der Akademie vermuten ließe - nein, wer, hier studiert, erhält buchstäblich tödliches Wissen, könnte aber auch selbst in Gefahr laufen, noch vor Studienabschluss das eigene Leben zu verlieren. Der Buchtitel von Rupert Holmes Roman sagt eigentlich schon alles: How to murder your boss - McMasters Handbuch zum Morden. Bei McMasters handelt es sich um den Hochschulgründer, der nach seinem (natürlichen) Ableben weiterhin der akademische Übervater und moralische Kompass der Schule ist, die im Klappentext als "Hogwarts für Mörder" bezeichnet wird. Genau diese Beschreibung hatte mich getriggert, das Buch zu lesen. Hier wurde ich allerdings enttäuscht: Abgesehen von einem malerischen Setting und der Tatsache, dass nur Eingeweihte die Schule kennen, gibt es wenig Gemeinsamkeiten zwischen Hogwarts un...

Ermittlungen auf hoher See

 Als Sarah Peters verkatert und mit massivem Filmriss - sie kann sich zunächst nicht einmal an ihren Namen erinnern - in einer Kajüte auf hoher See aufwacht, ist ihr schnell klar, dass das nicht so recht ihr Tag ist. Während langsam die Erinnerung wiederkommt, dass sie als Kriminalkommissarin im Undercover-Einsatz unterwegs ist, lauert auch bald die nächste Erkenntnis - richtig seefest ist sie nicht, Panikattacken kommen auf, aber sie muss dennoch lächeln und gute Laune verbreiten, denn sie ist offiziell als Animateurin an Bord. Doch wo ist eigentlich ihr Kollege? und hat der Filmriss etwas mit den Ermittlungen gegen einen Schleuser zu tun, der mit Menschen- und Organhandel zu tun hat?  So weit der Start von "Kein Land in Sicht" von Christina Pertl. Das Buch soll zugleich Beginn einer Reihe sein. Cover und Klappentext haben mich neugierig gemacht, das Setting einer Kreuzfahrt fand ich interessant, gewissermaßen locked room setting auf dem Mittelmeer. Das Thema Menschenhandel ...

Mücken, Schamane und eine Frau ohne Gedächtnis

 Mit seinem Detective John Cardinal in der kanadischen Algonquin Bay hat Giles Blunt einen interessanten Protagonisten geschaffen: Ein Kleinstadtpolizist in der kanadischen Provinz, der sich mit vergangener Schuld und der Sorge um seine bipolare Frau herumschlägt. Da kann das Privatleben schon mal gewaltig von der Arbeit ablenken. Spielte der letzte Fall von Cardinal und seiner frankokanadischen Kollegin Lise Delorme im eisigen Winter, ist nun Frühling an der Algonquin Bay - mit dazugehöriger Mückenplage. Wie schon in den vorangegangenen Bänden sorgt Blunt mit Landschafts- und Naturbeschreibungen dafür, dass auch die ferne Szenerie an den Großen Seen ihre Rolle im Buch spielt. Cardinal und Delorme haben in "Kanadische Jagd" mit einem Verbrechensopfer zu tun, das zwar lebt, aber als Augenzeugin vorerst nicht zu gebrauchen ist: Die junge Frau, die mit einer Kugel im Kopf gefunden wurde, hat keine Erinnerung daran, wer sie ist und warum jemand sie umbringen wollte. Als obendrein...

Rache und Hochzeitspläne

 Bennie Griessel hat sich einen denkbar schlechten Termin zum Heiraten ausgesucht. Denn als ob der südafrikanische Polizist nicht schon genug mit der Nervosität, der Angst vor einem Alkohol-Rückfall und den Hochzeitsvorbereitungen zu tun hätte, fordert ein neuer Fall ihn und seinen Partner Vaughn Cupido in Deon Meyers Polizeithriller "Die Stunde des Löwen".  Mit dem neuesten Bennie Griessel-Band schafft es Meyer einmal mehr, einen spannenden Plot sowohl mit dem persönlichen Leben seiner Protagonisten wie auch mit den Realitäten des modernen Südafrika zu verbinden. Bei der Polizei in Stellenbosch, wo Griessel und Cupido nach ihrer Entlassung bei einer Eliteeinheit gelandet sind, führen die beiden Beamten eigentlich ein ruhiges Leben. Kein Vergleich mit der Gewaltkriminalität in Johannesburg! Der Tod einer Studentin ist da schon fast spektakulär. In mühsamer Kleinarbeit finden die beiden Polizisten einen Verdächtigen, einen Anwalt.  Doch der ist wenig später Opfer eines zie...

Mit "Rath" endet die Serie um Gereon Rath

  Der Titel kommt mit einem Wort aus: "Rath" heißt der zehnte und letzte Band von Volker Kutschers Reihe um Gereon Rath, den Berliner Kriminalbeamten, dessen Fälle und persönliche Geschichte die Leserinnen und Leser seit der Spätphase der Weimarer Republik bis ins nationalsozialistische Deutschland verfolgen konnten. Mehrfach totgesagt, überlebte Rath bis zu dem im Jahr 1938 spielenden Abschlussband. War in den ersten Bänden im Berlin der späten 20-er Jahre noch so etwas wie ein Tanz auf dem Vulkan spürbar, ist der letzte Band reichlich düster - Kriegsgefahr am Horizont, das Münchner Abkommen, das die Tschechoslowakei preisgibt, die Reichspogromnacht. Zwar hat Kutscher mit seinen Romanen eine treue Leserschaft gefesselt, Fernsehzuschauern ist der Name Gereon Rath hingegen auch durch die Serie "Berlin Babylon" bekannt, die allerdings sehr frei mit den Figuren umgeht. So ist Charlotte Ritter, Raths spätere Ehefrau, in der Filmfassung eine junge Frau aus dem Proletaria...

Ökokrimi aus dem Schwarzwald

 Der elfte Fall von Georg Dengler in Wolfgang Schorlaus Schwarzwaldkrimi "Black Forest" wird sehr persönlich für den Privatdetektiv aus dem Südwesten. Zum einen geht es für ihn back to the roots, auf den Bauernhof seiner Mutter Margret. Anrufe der örtlichen Polizei und alter Bekannter lassen befürchten, dass die alte Frau wunderlich wird, womöglich eine Demenz entwickelt - wiederholt hat sie die örtliche Polizei angerufen, dass Fremde sich nachts auf dem Hof herumtrieben - angetroffen wurde nie jemand. Dengler ist verständlicherweise besorgt. Wer Schorlaus Dengler-Serie über die Jahre hinweg verfolgt hat, weiß: Hier geht es nie nur ums Persönliche, aktuelle Bezüge, auch Probleme bei der Polizei, werden immer wieder thematisiert. Schließlich hatte ja auch Dengler seinen Posten beim LKA aufgegeben, weil er sich mit den dortigen Zuständen nicht abfinden wollte. Und die Polizeiskandale der vergangenen Jahre sorgen obendrein dafür, dass dem Autor die Themen nicht ausgehen. Zugleic...

Frau Morgenstern in persönlicher Mission

Mit Violetta Morgenstern hat der Schweizer Autor Marcel Huwyler eine ungewöhnliche Protagonistin geschaffen: Eine ehemalige Grundschullehrerin, die als Auftragsmörderin im Dienste der Eidgenossenschaft steht. Oder vielmehr stand, denn im nunmehr sechsten Band der Reihe, "Frau Morgenstern und das Vermächtnis" genießt die ältere Dame auf Malta den wohlverdienten Ruhestand mit ihrem Herzensmenschen. Dann aber wird sie doch noch einmal requiriert, in einer sehr persönlichen Mission: Ihr langjähriger Arbeitspartner Miguel  - Vorliebe für Monster-Trucks, Söldnermagazine und Scharfschützengewehre - sitzt in Untersuchungshaft. Er hat einen Mann erschossen, ganz ohne Auftrag. Da versteht das streng geheime Ministerium, in dessen Auftrag Frau Morgenstern - besondere Expertise Kräuterwissen und Giftmorde - und Miguel jahrelang gemeinsam aktiv waren, keinen Spaß. Die Entscheidung über eine Eliminierung des Mitarbeiters ist nur noch eine Frage der Zeit. Frau Morgenstern wird von ihrem Ex-...

Liv Jensens zweiter Fall

  Mit ihrem Roman "Aschezeichen" stellt Katrine Engberg ein zweites Mal die Privatermittlerin Liv Jensen in den Mittelpunkt und zeigt einmal mehr ihre Stärke für komplexe Frauenfiguren mit Ecken und Kanten, atmosphärisch dichte Beschreibungen und einen wendungsstarken Plot. Neben Liv Jensen, die weiterhin auf eine Wiedereinstellung im Polizeidienst hofft, gibt es ein Wiedersehen mit weiteren Figuren: Der Psychologin Hannah und ihrem Vater Jan, Livs Vermieter, Nima, der eine Autowerkstatt im Hof des Grundstücks hat, Petter, Livs väterlicher Freund und einstiger Mentor. Das Geflecht dieser Menschen verstärkt sich sogar noch. Es sind auch diese nachbarschaftlichen Verhältnisse, die Petter dazu bewegen, Liv inoffiziell in eine Mordermittlung einzubeziehen: Bei einem Angelausflug mit seinen Kindern ist Tami Ansari, ein Mann iranischer Herkunft ermordet worden. Die Kinder im Teenageralter sind seitdem verschwunden. Der Tote ist ein Cousin Nimas - Liv soll bei ihm den familiären Hin...

Tod im Teesalon

  Mit "Ein mysteriöser Gast" von Nita Prose gibt es ein Wiedersehen - in diesem Fall ein Wiederhören - mit Molly Gray und dem fünf Sterne Boutique-Hotel Grand Regency. Und der Genuss ist gleich doppelt, denn in der Hörbuchversion gibt erneut Anna Thalbach Molly ihre Stimme und besticht mit ihrer unverwechselbaren Stimme und großartigen Interpretation der liebenswerten, aber eben auch etwas besonderen Molly. Seit ihrem ersten Fall hat Molly Karriere gemacht - sie ist jetzt Chefzimmermädchen und nimmt diese Aufgabe wie alles überaus ernst, ist ihr der Zustand allerhöchster Perfektion und Sauberkeit von Kindheit an ans Herz gelegt worden. Ihr zweiter Fall führt sie auch zurück in die eigene Vergangenheit, denn ein gefeierter Kriminalautor stirbt in dem von Molly liebevoll hergerichteten Teesalon des Grand Regency. Diesmal ist es nicht Molly, sondern ihr schüchternes Lehrmädchen, das unter Verdacht gerät, denn der Autor wurde offensichtlich vergiftet. Es versteht sich, dass die n...

Wer macht Jagd auf die Slow Horses?

  Wenn Mick Herron seine "lahmen Gäule" in ein neues Rennen schickt, ist eines klar: spannende Unterhaltung gewürzt mit schwarzem britischen Humor und intriganten Politikern, die irgendwie sehr an tatsächlich existierende Persönlichkeiten erinnern, ist garantiert. Und man sollte die einzelnen "slow Horses" besser nicht zu lieb gewinnen, denn schon in den vorangegangenen Bänden um die Parias des britischen Inlandgeheimdienstes MI5 war die Überlebensquote nicht so toll.  Niemand dürfe sich sicher fühlen, bestätigte Autor Herron denn auch im Interview. Vielleicht mit Ausnahme von Jackson Lamb, dem ständig missgelauntem Herrn des "Slough House" - soviel Zynismus, politische Unkorrektheit und reptilienartige Verschlagenheit ist schließlich schwer zu ersetzen. Wobei auch Diana Taverner, Oberintrigantin und endlich auch oberste Chefin beim MI 5, ihm in letzterem kaum nachsteht. In "Slough House" werden treue Leser*innen allerdings ein paar Namen aus der...

Männerfreundschaften, Macht und Business in Wien

 "Freunderlwirtschaft", das klingt im Österreichischen so viel charmanter als "Klüngel", aber es geht um das gleiche Prinzip in Petra Hartliebs gleichnamigen Wien-Krimi, eigentlich Politkrimi. Gleich der ersten Fall der neu ernannten Leiterin der Wiener Mordkommission, Alma Oberkofler, hat es in sich. Es ist nicht die übliche aus den Fugen geratene Streiterei im Milieu oder Beziehungstat, nein, der junge, gutaussehende Landwirtschafts- und Tourismusminister wird tot in seiner schicken Penthousewohnung gefunden. Ein Unfall, ein eskalierter Streit, eine geplante Tat? Fragen könnte vielleicht die Verlobte des Toten beantworten, als Pressesprecherin der Wirtschaftsministerin selbst Profi im Politikbetrieb. Doch die ist verschwunden und offenbar bewusst abgetaucht, nachdem sie erst das Maximum an Bargeld von einem Geldautomaten abgehoben, ihr Handy zerstört und ihren Wagen auf dem Parklplatz eines Einkaufszentrums stehen gelassen hat. Manches kommt Alma in diesem Fall, i...

Clicks, Populismus und ein verschwundenes Mädchen

 Mit seinem Thriller "Views" sorgt Marc-Uwe Kling für Spannung mit aktuellen Bezügen. BKA-Ermittlerin Yasira Saad leitet die Ermittlungen im Fall einer verschwundenen 16-Jährigen. Was zunächst nicht zu alarmierend gesehen wird - es kommt schließlich immer wieder vor, dass rebellierende Teenager nach einem Streit zuhause für ein paar Tage verschwinden - bekommt Brisanz, als ein verstörendes Video auftaucht, dass eine brutale Gruppenvergewaltigung der jungen Frau durch mehrere dunkelhäutige Männer zeigt. Das Video geht viral, schnell kocht die populistische Volksseele, eine Gruppe namens Aktiver Heimatschutz bildet sich und will die Täter, oder gleich Afrikaner überhaupt jagen. Die Initialen kommen nicht von ungefähr. Und mit der libanesischstämmigen Ermittlerin wollen auch die Innenministerin und die Behördenleitung ein Gesicht vorweisen können, das eben kein alter weißer Mann ist. Yasira und ihr Team geraten immer mehr unter Druck, je mehr populistische Strömungen die Tat auf...

Nonne jagt den Feuerteufel

 Schwester Holiday, Mitglied eines kleinen Konvents von nur vier Nonnen in New Orleans und kurz vor ihrem "ewigen Gelübde", ist nicht gerade die typische Braut Christi. Zwar stammt sie aus einer streng katholischen Familie und ist tief gläubig, andererseits hat sie eine Vergangenheit als lesbische Punkrockerin, ist vom Hals abwärts ganzköpertätowiert und hat bei der Kombination Sex, Drugs & Rock nichts anbrennen lassen. Mit Schwester Holiday hat Margot Douaihy mit ihrem Kriminalroman "Verbrannte Gnade" eine ungewöhnliche Protagonistin geschaffen. Die Entsagung von weltlichen Freuden, die sie bis dahin so lustvoll genossen hat, ist für Holiday auch ein Stück Wiedergutmachung für eine vergangene schwere Schuld und der Versuch, innere Heilung zu finden. Statt barbusig auf der Bühne zu stehen, ist sie nun - der Tattoos wegen - im schwülheißen New Orleans verhüllt mit Halstuch und Handschuhen, unterrichtet Musik an einer katholischen Privatschule und versucht, sich i...

Bandenkrieg in Malmö?

 Zwei Ermittler mit privat-beruflichem "Gepäck", der tragische Tod eines 13-Jährigen bei einem Drive by-Shooting in Malmö und ein Polizeiapparat voller Intrigen: "Tode, die wir sterben" von Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson ist ein gelungener Auftakt für eine neue Schwedenkrimi-Serie mit komplexen Plot und zwei gegensätzlichen Partnern, die sich noch zusammenraufen müssen. Svea Karhuu ist die Arbeit mit einem Partner nicht gewohnt - Jahrelang war sie als verdeckte Ermittlerin im Einsatz. Nachdem sie in Notwehr bei einem Undercover-Einsatz einen Kollegen tötete, wird sie gewissermaßen in Malmö geparkt, um aus der Schusslinie zu kommen, während interne Ermittlungen laufen. Zusammen mit dem langjährigen Mordermittler Jon Nordh soll sie den Tod des 13-jährigen Rashid aufklären.  Die Anzeichen weisen erst einmal auf einen Bandenkrieg hin - Der Junge geriet vor einer Pizzeria in die Schusslinie, in dem Lokal befanden sich zwei Gangmitglieder. Ein älterer Mann, der...

Im Harz sind nicht nur die Hexen los

 Hamburgerin Ariane bricht zu neuen beruflichen Feldern auf, nach ihrem Volontariat die erste Festanstellung für die Mittvierzigerin. Dafür kehrt sie Ehefrau Katja, Hund Woodie und der Großstadt den Rücken, um im Harz bei der örtlichen Tourismusorganisation als Sensitivity-Managerin zu arbeiten. Allerdings in der Außenstelle in Düsterode, wo sie schnell merkt, dass sie dicke Bretter bohren muss - ihre neuen Kollegen verfrachten sie am ersten Arbeitstag als Hexe vom Dienst in eine fensterlose Kammer. Sieht also nicht so aus, als ob ihr Bemühen um mehr Diversity und politische Korrektheit auf fruchtbaren Boden fällt. Doch Ariane, die mit ihren Sneakern auf die Berge des Harz ähnlich gut vorbereitet ist wie ihre neuen KollegInnen auf das angestrebte Sensitivity-Programm, gibt nicht auf in "Harz aber herzlich" von Peter Godazgar und Alexandra Kui, Unverdrossen, Fußblasen und wundgescheuerten Fersen trotzend, erklimmt sie ihren ersten Harz-Gipfel um ein sexistisch umgestaltetes Wa...

Ein Kriminalroman nach dem Zwiebelprinzip

  Mit "Furcht" hat der norwegische Autor Sven Petter Ness einen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur zwischen Oslo und Edinburgh wechselt und dabei zwei Ermittlungsteams in den Focus stellt, das Buch hat auch etwas von einem Zwiebelprinzip oder einer russischen Matrjoschka-Puppe: Immer dann, wenn etwas klar erscheint, steckt dahinter nur die nächste Frage, das nächste Geheimnis - und das konsequent bis ganz zum Schluss. Es ergibt sich also so manche überraschende Wendung. Mit Harinder Singh ist der Protagonist nicht ganz der typische blonde, blauäugige Skandinavier, auch wenn er in Norwegen als Sohn eines indischen Einwanderers geboren wurde. Erwahrungen mit Alltagsrassismus werden allerdings nur eher nebenbei erwähnt, und wenn Singh in seiner Ermittlereinheit aneckt, dann hat das eher mit seiner Hartnäckigkeit zu tun, die von Vorgesetzten manchmal auch als Sturheit oder Eigensinn ausgelegt wird. Singh ist zunächst einmal als besorgter Verwandter unterwegs: Seine Nichte A...

Hochzeit mit Mordermittlungen

 Hochzeitsvorbereitungen können schon unter normalen Umständen stressen. Polizeichefin Katze Burkholder in einer Kleinstadt in Ohio bekommt mit gleich zwei Morden wenige Tage vor ihrer Hochzeit in Linda Castillos "Zorniges Herz" gleich im Doppelpack mehr Arbeit, als sie eigentlich gerade gebrauchen konnte.  Wieder einmal stellt Castillo Burkholder, die früher zu den Amischen gehörte und nun ein ambivalentes Verhältnis zu der Religionsgruppe hat, in den Mittelpunkt. Dabei fließt dank der Hochzeitsvorbereitungen noch mehr "Privates" als ohnehin in den mittlerweile 14 Vorgängerbänden ein. Der Tod eines 21 Jahre alten Amischen während seiner "Rumspringa" wirft Rätsel auf: Ersten wurde er grausam mit einer Armbrust getötet - eine nicht ganz übliche Mordwaffe. Zweitens galt der junge Mann als allseits beliebt, hilfsbereit und sympathisch. Wer kann ihn so gehasst haben? Der zweite Mordfall betrifft eine junge Frau, übel zugerichtet und, wie sich herausstellt, Tei...

Ein Junge verschwindet

  Für Leser*innen meiner Generation ist der Schwedenkrimi "Den Tod belauscht man nicht" von Ninni Schulman eine Rückkehr in die Jugend - er spielt in den 80-er Jahren, einer Zeit von Walkman und MixTapes - Streaming und Spotify gab es ja nicht. Mit Ingrid Wolt ist die Protagonistin eine interessante Figur: Eine Ex-Polizistin, frisch aus der Haft entlassen wegen versuchtem Totschlag.  Fernab ihrer alten Heimat Stockholm versucht sie in einem Dorf nahe der Kleinstadt Vamhus einen Neuanfang. Zum einen hofft sie auf einen Ort, an dem niemand ihre Vergangenheit kennt, zum anderen hat sie Angst, dass ihr gewalttätiger Ex-Mann Kjell, den sie damals niedergeschossen hat, sie ausfindig macht, um sich zu rächen. Vor allem aber hofft sie, wieder das Sorgerecht für ihre kleine Tochter Anna zu bekommen, die in den vergangenen Jahren in einer Pflegefamilie lebte - einer Pflegefamilie, der wenig daran gelegen scheint, dass Ingrid schnell wieder Kontakt zu dem Mädchen bekommt. Und auch die K...

Ein sehr persönlicher Fall für DI Gina Harte

 DI Gina Harte ist nicht so ganz die toughe Polizistin, die viele in ihr sehen. Nach einer durch Gewalt und Missbrauch geprägten Ehe und einem sorgfältig gehüteten Geheimnis schleppt sie auch Jahre später noch Trauma und Schuldgefühle mit sich herum. Im Kriminalroma "Ihr dunklese Herz" von Carla Kovach triggert  Hartes  neuester Fall  sie gleich mehrfach.  Zum einen ist eine Frau verschwunden, die mit ihrer Scheidung einem einengenden und kontrollierenden Ehemann entkommen will. Zum anderen erinnert die Mutter der Vermissten Gina an ihre eigene, früh verstorbene Mutter - vom Äußeren bis hin zu Gesten. Sie fühlt sich immer noch schuldig, dass sie aus Angst vor ihrem Ehemann der Mutter nicht in ihren letzten Stunden beigestanden hat. Für die fremde, ihrer Mutter so ähnliche Frau, will sie sich nun besonders bemühen. Doch Harte und ihre Kollegen ahnen - die Familie hütet einige Geheimnisse. Zwischen der Mutter und der älteren Tochter, die wegen ihrer Schulden wiede...

Hanebüchener Dänemark-Urlaub

 Von "dänische Dunkelheit" von Jonas W, Bentsen (so das dänisch klingende Pseudonym eines aus der Stuttgarter Gegend stammenden Autors, ist ja eine beliebte Masche bei den Verfassern deutscher Urlaubsromane, die in anderen Ländern spielen) hatte ich mir hyggelige Spannung oder Scandinavia Noir erhofft: Ein Stuttgarter Kommissar, der beim Campingurlaub in Dänemark eine Leuche stößt und so zu einer ganz neuen Urlaubsbeschäftigung kommt, indem er die dänischen Kollegen unterstützt. Gute Beispiele von grenzüberschreitenden Ermittlerteams gibt es ja durchaus, und der Kontrast von Mentalitäten und Marotten diesseits und jenseits der Grenze kann durchaus reizvoll sein. Doch ach, schon nach den ersten Kapiteln ahnte ich, hier wartet nur eine dunkle Lese-Enttäuschung. An einer Stelle des Buches heißt es, der Rest einer Vernehmung habe einem Groschenroman entsprochen. Das war eine unfreiwillige Selbstbeschreibung dieses Buches. Warum hat ein wohlmeinendes Lektorat den Autor nicht darua...

Frauen auf den Barrikaden, Gewalt gegen Frauen

 Beim Lesen von "Aufstand der Frauen" von Petros Markaris sollte man satt sein. Denn sein jüngst zum Kriminaldirektor von Attika ernannter Kostas Charitos muss zwar auch ermitteln, aber den Ermittler gibt es sozusagen nur mit Familienanschluss und vielen gemeinsamen Mahlzeiten. Da kann sich beim Lesen schon ein Hüngerchen einstellen, zumal die Handlung eher langsam an Fahrt aufnimmt und der Autor eher bedächtig erzählt. Freunde von Verfolgungsjagden und Cliffhangern kommen hier nicht auf ihre Kosten, das Buch lebt vom lokalen Ambiente und dem Einblick in die Mentalität und stetige, aber nicht immer aufregende Polizeiarbeit. Für diejenigen, die die Reihe von Markaris kennen, gibt es mit der Beförderung des Mordermittlers Neuerungen: Die Mordkommission erhält erstmals eine Chefin. Erst ist Charitos ein bißchen skeptisch - er ist halt doch ein alter weißer Mann. Doch schnell ist er nicht nur von den beruflichen, sondern auch von den menschlichen Qualitäten von Antigone Ferlakis ...

Verschüttete Erinnerungen

 "Blick in die Angst" von Chevy Stevens ist ein Thriller, in dem es buchstäblich um psychologische Spannung geht. Denn Nadine, die Protagonistin, arbeitet als Psychiaterin in einem Krankenhaus auf Vancouver Island an der kanadischen Westküste. Doch das Leben im eigentlich idyllischen Victoria hat Schattenseiten für die Mittfünfzigerin, die seit mehreren Jahren verwitwet ist: Ihr Tochter Lisa ist ihr zunehmend entglitten, lebt als Drogenabhängige auf der Straße. Als Therapeutin findet Nadine zwar den Zugang zu ihren Patientinnen und Patienten, aber offenbar nicht zur eigenen Tochter. Ein Fall in der Notaufnahme nach einem Selbstmordversuch wird für Nadine unerwartet persönlich: Ihre Patientin Heather, die mit den Folgen einer Fehlgeburt nicht fertig wird, gibt sich selbst die Schuld an dem Unglück: Vielleicht hätte sie das "Zentrum" nicht verlassen dürfen. Als sie Einzelheiten nennt über eine Art Yoga-Retreat, wird Nadine hellhörig: Zum einen erinnern sie die Zuständ...

Loyalität und Rache

 Mit "City of Ruins" hat Don Winslow seine Mobster-Triologie um Danny Ryan beendet, den Mann, der in einen irischen Gangsterclan im Boston der 50-er Jahre hineingeboren wurde und ähnlich wie die Helden griechischer Tragödien eine enorme Fallhöhe erreicht. Den Bogen zur griechischen Tragödie schlägt Winslow nicht nur mit seinen Themen um Rache, Liebe, Femmes fatales, Aufbau und Niedergang von (Gangster-)Reichen, von Kriegen, in denen eigentlich alle verlieren. Er zitiert auch aus Äneis und Odyssee, ehe die ganze Wucht des Schicksal und der Verstrickung in Gewalt einen Mann erfasst, der eigentlich nur ein anständiger Mensch sein will. Ich hatte die beiden vorangegangenen Bände gelesen und war vor allem vom ersten Teil begeistert - der zweite zeigte ein paar Schwächen, wie das beim Mittelband von Triologien ja häufiger der Fall ist. Den Abschluss wollte ich natürlich nicht verpassen und Winslow läuft in der Tat zu großer Form auf, packt viele Themen und Protagonisten der beiden ...

Ernstes Thema mit britischem Humor

 Femizide, sogenannte Ehrenmorde, physische und psychische Gewalt oft über Jahre Hinweg - Wenn es um Gewalt in einer Beziehung geht, sind die Täter fast immer männlich, die Opfer ihre Ehefrauen, Partnerinnen, Töchter. Die Statistiken von Organisationen wie Terre des femmes sind ernüchternd und schockierend. Damit ein so ernstes  und hartes Thema Gegenstand eines durchaus humorvollen Kriminalromans ist, braucht es vermutlich den berühmten schwarzen britischen Humor - und genau das funktioniert in "Ein Mann zum Vergraben" von Alexia Casale ziemlich gut. Es war ein Unfall. Als Ehemann Jim sie in einem seiner Wutanfälle einmal wieder mit kochendheißem Wasser übergießen will, greift die englische Hausfrau Sally, Mutter zweier erwachsener Kinder, zum erstbesten Gegenstand, um ihn abzuwehren. Dass die gusseiserne Pfanne, ein Erbstück ihrer Oma, derart fatale Wirkung hat, merkt sie erst, als Jim tot auf dem Küchenboden liegt. Nach einem Schaumbad und einer Eis- und Kuchen-Orgie ringt...

Hinter den Masken der feinen Gesellschaft am Gardasee

 Lenz Koppelstätter ist als Autor der Reihe um den Südtiroler Kommissar und Teilzeitbauer Grauner bekannt. Mit "Was der See birgt" startet er eine neue Serie um die ehrgeizige Polizeireporterin Gianna Pitti. Schauplatz ist nun nicht Südtirol, sondern der Gardasee, wo Pitti bei einer Lokalzeitung arbeitet und für eine gute Story auch schon mal zu unsauberen Methoden greift. Insgeheim strebt sie ihrem von einem Jahr spurlos verschwundenem Vater, einem investigativen Journalisten nach - auch wenn die Fälle, über die sie normalerweise berichtet, nicht unbedingt die ganz große Nummer sind. Als sie noch vor Dienstbeginn sieht, wie eine Leiche aus dem See geborgen wird, hofft sie auf einen Knüller - und muss feststellen, dass sie den Toten, einen Kollegen aus Mailand, kannte und noch den vergangenen Abend mit ihm verbracht hatte. Der junge Journalist träumte von einer investigativen Karriere - war er einer großen Geschichte auf der Spur? Giannas Neugier ist geweckt, sie beginnt eige...

Südtirolkrimi vor Gletscherkulisse

 Von wegen Vollblutpolizist: Commissario Grauner ist zwar Mordermittler in Bozen, sein Herz hängt aber am Nebenerwerb als Viechbauer, an seinen 16 Kühen, dem Hof, und dem ruhigen ländlichen Leben. Lieber früher als später will er in den vorgezogenen Ruhestand gehen, den Hof an die Tochter übergeben und sich mit seiner geliebten Alba auf die Alm verziehen. Doch Grauner kommt gar nicht dazu, dem Staatsanwalt seine diesbezüglichen Wünsche mitzuteilen in Lenz Koppelstätters "Das Flüstern im Eis". Es gilt, einen Mord zu ermitteln, seinen letzten Fall, so hofft Grauner.  Immerhin muss er dazu nicht in die verhasste Stadt, sondern in ein Südtiroler Dörfchen am Fuße des Ortlers. Der Leiter der dortigen Bergwacht ist dort tot aufgefunden worden, und die Mistgabel in der Brust macht es schwer, hier einen natürlichen Todesfall zu vermuten. Um sein Team zusammenzurufen, braucht Grauner nicht lange: Seine Mitarbeiter Tappeiner und Saltapepe sind bereits vor Ort, auf einer Hütte, um den We...

Tod im Swimming Pool

 Aurel Timescu ist ein eher untypischer Diplomat. Zum einen steht er trotz rumänischer Herkunft als Konsul im Dienst Frankreichs, zum anderen zeichnet er sich durch den vollkommenen Mangel an Ehrgeiz aus. Statt Ambitionen auf einen chicen Botschafterposten zu entwickeln, verweigert er sich konsequent und mit viel kreativen Ausreden der Arbeit und ständigen Erreichbarkeit, auf die seine Vorgesetzten Wert legen. Er lebt mehr für weißweinhaltige Nächte am Klavier in seiner Wohnung in Maputo als für das diplomatische Parkett der mosambiquischen Hauptstadt. Aus der üblichen phlegmatischen Lebensweise erwacht Timescu in Jena-Christophe Rufins Diplomaten-Krimi "Der Tote im Pool" erst, als im Pool eines heruntergekommenen Hotels die Leiche des französischen Ministers gefunden wird und dessen ebenfalls französische Ehefrau wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft landet. Sich um Landsleute im Gefängnis zu kümmern gehört zu den Aufgaben der Konsularabteilung, doch das allein wäre für T...

Ministerin mit Geheimnissen

  Clara Lofthus, erst seit wenigen Monaten Witwe und nun alleinerziehende Mutter von Zwillingen, wird zur neuen norwegischen Justizministerin ernannt. Einerseits bringt sie das ihrem Ziel näher, Gesetze voranzubringen, die Kinder besser vor Misshandlungen schützen. Andererseits muss sie feststellen, dass sie rund um die Uhr verfügbar sein muss und nur noch wenig Autonomie in ihrem durchgetakteten Arbeitsalltag hat.  Das aber ist nur das geringste ihrer Probleme: Denn mit der Bergung eines vor 30 Jahren bei einem Unfall in ihrem westnorwegischen Heimatfjord versunkenen Autos wird das Interesse eines Lokaljournalisten an ihr geweckt. Dann verschwinden ihre Zwillingssöhne und sie findet eine Nachricht von Entführern vor. Die Polizei dürfe sie nicht einschalten, sonst würden die Kinder getötet. Wie kann sie als Politikerin im Rampenlicht der Öffentlichkeit versuchen, das Verschwinden ihrer Kinder aufzuklären? "Dunkler Abgrund" von Ruth Lillegraven ist eine Fortsetzung von "T...

Ein Noir-Klassiker, wiederbelebt

 Das Cover von "Wer das Opfer findet" von Ross MacDonald erinnert an die Bilder von Ed Hopper und auch inhaltlich verkörpert dieser Detektivroman die Ära der Ära der Noir-Klassiker. MacDonald starb 1983, das Buch spielt irgendwann in den 50-ern, das spiegelt sich auch der Beschreibung der Welt in einer kalifornischen Kleinstadt wieder. Wie heißt es doch so schön, als "Männer noch Männer waren"? Frauen haben jedenfalls vor allem schön zu sein und wahlweise die Rolle der Mutter und Ehefrau oder des Flittchens auszufüllen.  Beim Visualisieren des Textes habe ich geradezu Humphrey Bogart und die junge Lauren Bacall vor Augen, in den Chandler-Verfilmungen der "Schwarzen Serie". Und auch sprachlich erinnert MacDonald an den Stil von Raymond Chandler, wenn er seinen Privatdetektiv Lew Chandler erzählen lässt - einerseits lakonisch-abgeklärt, andererseits mit bildhaften Formulierungen, die sofort  Kopfkino in Gang setzen und nachhallen, die poetisch wirken wie etw...